Sybilles Frühjahr-Bücherschau: Shakespeare, Mode & Archäologie
Sybille

Nach welchen Kriterien kauft Ihr eigentlich Eure Bücher? Ich gebe zu, dass ich sehr häufig nach Büchern mit attraktiven Titelbildern greife – und meistens werde ich nicht enttäuscht. Auch bei meiner heutigen Buchauswahl habe ich mich von den schönen Titeln beeinflussen lassen – und so ist ein bunter Themen-Mix in mein Buchregal gewandert: von Buchhandlungen über Shakespeare bis hin zu Heldinnen der Meere. Viel Spaß beim Entdecken! von Sybille

1. Judi Dench: Shakespeare – Der Mann, der die Miete zahlt

Judi Dench? – Moment: Ist sie nicht „M“ in den James Bond-Filmen? Ja, das ist sie, aber sie ist noch so viel mehr. Zum Beispiel Queen Elizabeth I. in „Shakespeare in Love“. Für diese Rolle erhielt sie den Oscar. Fürstin Natalia Dragomiroff in „Mord im Orientexpress“ (hier empfohlen), Miss Matty Jenkyns in „Cranford“ (hier empfohlen) oder Queen Victoria in „Queen Victoria & Abdul“ (hier empfohlen). Außerdem ist sie eine begnadete Theaterschauspielerin. Seit über 70 Jahren steht sie auf der Bühne und das am allerliebsten in Shakespeare-Stücken. William Shakespeare war und ist der treue Begleiter in ihrem Leben. Bei der Royal Shakespeare Company spielte sie fast alle weiblichen Rollen des Dichtergottes. Folgerichtig ist Shakespeare seit Jahrzehnten Der Mann, der die Miete zahlt. Ihr Schauspielkollege Brendan O’Hea hat sich über Jahre immer wieder mit Judi Dench über ihre Arbeit und vor allem über Shakespeare unterhalten.

Aus Plaudereien wurden später Interviews. Und so entstand ein überaus unterhaltsames Buch, erschienen bei Dörlemann, das in jedem Englisch-Leistungskurs Pflichtlektüre sein sollte. Die Kapitel widmen sich den einzelnen Stücken von Hamlet bis zum Sommernachtstraum, aber auch Proben, Fehlern oder dem Schauspiel-Ensemble. Dench erinnert sich detailreich an Regisseure, Kollegen, Inszenierungen und kann aus dem Gedächtnis lange Passagen rezitieren – beeindruckend! Man lernt von ihr viel über Shakespeare, aber auch über Theaterarbeit. Zauberhafte Zeichnungen von Judi Dench, die mittlerweile ihr Sehvermögen nahezu eingebüßt hat, ergänzen die Lektüre.

2. Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten

Die Buchhandlung der Exilanten, erschienen bei C.H.Beck, erzählt die Geschichte zweier legendärer Pariser Buchhandlungen: „Shakespeare and Company“ von Sylvia Beach und „Das Haus der Bücherfreunde“ von Adrienne Monnier. In den 1920ern sind sie Treffpunkte der intellektuellen Avantgarde wie Simone de Beauvoir, Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre oder James Joyce. Letzterer hat es übrigens Sylvia Beach, die ihn sehr verehrte, zu verdanken, dass sein „Ulysses“ erstmals veröffentlicht wurde, was von Joyce niemals gewürdigt wurde. Unter der deutschen Besatzung ändert sich alles. Bücher werden verboten, Menschen verfolgt und deportiert. Buchhandlungen werden nicht nur zum Zufluchtsort für deutsch-jüdische Exilanten, sondern auch Orte des Widerstandes: Monnier und Beach versuchen alles, um Freunde und Weggefährten wie Walter Benjamin, Siegfried Kracauer oder Gisèle Freund und Mitarbeiterinnen zu retten. Erzählerisch beginnt das Buch nicht linear, sondern in Zeitsprüngen – ein Ansatz, der zunächst leicht irritiert. Doch mit zunehmender Lektüre fügen sich die einzelnen Stränge zu einem stimmigen Gesamtbild. Das liegt nicht zuletzt am einfühlsamen Stil von Uwe Neumahr, der für dieses Buch akribische Quellenarbeit geleistet hat.

Wenn Euch die Thematik interessiert empfehle ich Euch auch Philippe Collin: Der Barmann des Ritz (hier vorgestellt) und Uwe Wittstock: Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur (hier vorgestellt)

3. Michaela Karl: Kluge Frauen bezahlen ihre Kleider selbst

Die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli, in den 1920er- und 1930er-Jahren mindestens so berühmt wie Coco Chanel, führte ein außergewöhnliches Leben. Sie bewegte sich im Kreis der großen Künstler ihrer Zeit und entwickelte eine Mode, die als fantasievoller Gegenentwurf zu Chanels vergleichsweise konservativen Entwürfen gelten kann. Die Autorin Michaela Karl widmet sich dieser schillernden Persönlichkeit nun als erste deutschsprachige Biografin. Sie zeichnet in „Kluge Frauen bezahlen ihre Kleider selbst“ erschienen bei Penguin, das Porträt einer Designerin, die ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus war: Schiaparelli war die Erste, die ihre Kollektionen unter ein Motto stellte, arbeitete früh mit Künstlern zusammen und erkannte das Potenzial von Prêt-à-porter. Im Zentrum der pulsierenden Kunstszene ihrer Epoche stehend, war sie mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten verbunden. Michaela Karl versteht es, dieses Netzwerk lebendig werden zu lassen und die vielen Figuren aus Schiaparellis Umfeld anschaulich vorzustellen.

In ihrem gewohnt lockeren und atmosphärischen Stil erzählt sie den Lebensweg der Designerin. Mitunter verliert sich die Darstellung allerdings etwas in den zahlreichen Episoden, sodass der rote Faden zeitweise aus dem Blick gerät. Dennoch bleibt die Biografie eine sehr lesenswerte Annäherung an eine faszinierende Modeikone – und, ganz persönlich gesprochen, eine deutlich sympathischere Figur als Coco Chanel. Etwas mehr Bildmaterial hätte dem Buch gutgetan. Zusätzliche Fotografien hätten es erleichtert, Schiaparellis Entwürfe direkt beim Lesen vor Augen zu haben, statt sie parallel im Internet suchen zu müssen. Wer ihre Mode im Original erleben möchte, hat dazu noch bis November 2026 Gelegenheit: Das Victoria & Albert Museum in London widmet Schiaparelli derzeit eine Ausstellung.

Wir lieben Michaela Karls Biografien und haben hier schon die von Unity Mitford und Isadora Duncan vorgestellt

4. Gabriel Zuchtriegel: Pompejis letzter Sommer

Der Ausbruch des Vesuvs brachte das Leben in Pompeji jäh zum Stillstand. Die archäologischen Ausgrabungen, die bis heute immer neue Entdeckungen zutage fördern, erzählen eine sehr komplexe Geschichte, die Gabriel Zuchtriegel in „Pompejis letzter Sommer“, erschienen bei Ullstein, vorstellt. Er macht klar, dass sich die Gesellschaft im Umbruch befand. Am Ende dieser Entwicklung zerbricht das Römische Reich und das Christentum wird zum neuen Bezugspunkt einer grundlegend veränderten Welt. Zuchtriegel, Leiter des Archäologischen Parks von Pompeji, zeichnet anhand spektakulärer alter und neuer Funde nach, wie es zu dieser wohl größten spirituellen Revolution des Abendlandes kommen konnte. Er führt durch ausgegrabene Häuser, Werkstätten und Straßen und lässt die Vergangenheit anhand konkreter Funde lebendig werden. Besonders dort, wo Zuchtriegel neue Entdeckungen aus Pompeji schildert, liest sich das Buch ausgesprochen spannend. Mitunter wirken einzelne Gedanken und Episoden etwas lose aneinandergereiht, sodass der rote Faden zeitweise verloren geht und die Aufmerksamkeit des Lesers ins Wanken gerät. Dennoch bleibt es eine anregende Lektüre – voller interessanter Beobachtungen und Thesen, die zum Weiterdenken einladen.

5. Kerstin Ehmer: Heldinnen der Meere

Bücher über unentdeckte Heldinnen gibt es derzeit einige, z.B. „Vergessene Heldinnen“ von Stefanie v. Wietersheim (hier empfohlen). Doch keines hat mich so begeistert wie „Heldinnen der Meere“ von Kerstin Ehmer, erschienen im Mare Verlag. Sie stellt Frauen vor, die nicht nur klug sind, sondern sich auch mit Verve in die tosenden Elemente werfen, die ihnen wirklich alles abverlangen. Auch die mitreißende lebendige Sprache von Ehmer macht dieses Buch zu etwas Besonderem. Es gelingt ihr sehr plastisch, Stimmungen und Erlebnisse spürbar zu machen: die schwer zu ertragende Einsamkeit und die körperlichen Strapazen bei der Weltumsegelung, Unterwasserspaziergänge in unfassbar schweren Taucheranzügen oder die extreme Anstrengung bei der schwimmenden Durchquerung des Ärmelkanals. Unter den 16 Heldinnen, von denen sie erzählt, sind Künstlerinnen wie Pat de Groot, Forscherinnen wie Sylvia Earle oder Sportlerinnen wie Gertrude Ederle. Besonders beeindruckt hat mich die filmreife Lebensgeschichte der Freibeuterin Jeanne de Clisson, aber auch die Geschichte der isländischen Fischerin Thuridur Einarsdottir, die im 19. Jahrhundert als unerschrockener »Vormann« mit ihren Mannschaften Rekordfänge an Land brachte. Die feinen Illustrationen von Astrid und Robert Nippoldt runden das Lesevergnügen ab. Mein erstes Lieblingsbuch 2026!

6. Marga Berck: Sommer in Lesmona

Sommer in Lesmona“ kannte ich lange nur als Fernsehfilm, in dem die sehr junge Katja Riemann ihre erste Hauptrolle spielt. Die Verfilmung beruht auf dem Briefroman von Marga Berck. Marga Berck wiederum ist das Pseudonym von Magda Pauly, die diese Briefe tatsächlich am Ende des 19. Jahrhunderts an ihre Freundin schrieb, diese aber erst 1951 erstmals als Roman veröffentlichte. Er erzählt die Geschichte der 18jährigen Marga aus wohlhabendem bürgerlichen Hause, die für ein paar Sommermonate auf das Landgut Lesmona in der Nähe von Bremen zu ihrem Onkel geschickt wird und hier ihre erste große Liebe erlebt. Ihr Herz schüttet sie in Briefen ihrer Freundin Bertha aus. Gerade diese unmittelbare, persönliche Form macht den Reiz der Geschichte aus: Sie wirkt erstaunlich nahbar, lebendig und berührend. Lohnend ist die jetzt erschienene Neuausgabe des Rowohlt Verlags auch wegen des neuen Nachworts von Nicole Seifert, in dem man erfährt, wie das dramatische Leben der echten Magda Pauly verlief. Große Leseempfehlung!

Die TV-Verfilmung könnt Ihr übrigens auf YouTube sehen

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