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Mein Bücherschrank hat wieder reichlich Zuwachs bekommen – und dieses Mal ist es eine besonders bunte Mischung geworden. Sie reicht von den japanischen Weisheiten einer Michiko Aoyama über den wunderbar illustrierten kleinen Krimi Schattennummer bis hin zum historischen Sachbuch Paris in Aufruhr über die Umbruchsjahre 1870/71. Vom Licht in die Dunkelheit und Vergessene Heldinnen wiederum stellen mutige Frauen in den Mittelpunkt. von Sybille
1. Stefanie von Wietersheim: Vergessene Heldinnen
Mit Vergessene Heldinnen, erschienen bei Callwey, legt Stefanie von Wietersheim ein Buch vor, das weit mehr ist als eine Sammlung außergewöhnlicher Frauenbiografien. Die Autorin erzählt von Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen und Unternehmerinnen, die Großes geleistet haben – und dennoch bis heute kaum bekannt sind. Portraitiert werden unter anderem Camilla Williams, die als erste schwarze Opernsängerin auf einer renommierten New Yorker Bühne sang, oder die Chemikerin Clara Immerwahr, die 1900 als erste Frau in Deutschland promovierte. Auch die New Yorker Personal Shopperin Betty Halbreich sowie die Werberin Mary Wells Lawrence, die den berühmten „I ❤️ NY“-Slogan erfand, finden ihren Platz. Ergänzt werden die Portraits durch aktuelle Interviews mit Persönlichkeiten wie der ehemaligen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Mode-Ikone Inès de la Fressange oder der Opernsängerin Janet Williams. Vielleicht ein winziger Kritikpunkt: Trotz der klar feministischen Thematik verzichtet von Wietersheim auf die durchgehende Verwendung beider Geschlechterformen – das hätte man in meinen Augen durchaus machen können.

Vergessene Heldinnen ist ein relevantes Werk– gerade in einer Zeit, in der das Frauenbild mancherorts wieder bedenklich rückständige Züge annimmt/Bild-Credit: Stephanie v. Wietersheim
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2. Sebastian Smee: Paris im Aufruhr
In Paris im Aufruhr – Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus, erschienen im Insel Verlag, zeichnet Pulitzer-Preisträger Sebastian Smee ein historisch wie kunsthistorisch präzises Panorama der kulturellen und sozialen Umbrüche im Paris des 19. Jahrhunderts. 1870/71 erschüttern Aufstände die Stadt, Barrikadenkämpfe werden blutig niedergeschlagen, eine bürgerliche Regierung übernimmt die Macht. Während draußen politische Gewalt und gesellschaftliche Verwerfungen eskalieren, sitzt die junge Malerin Berthe Morisot für Édouard Manet Modell. Sie und ihre Familien gehören zu den wenigen impressionistischen Kreisen, die das „Schreckensjahr“ bewusst in der Metropole verbringen. Während Paris brennt, suchen Morisot, Manet und ihre Zeitgenossinnen nach einer neuen Wahrnehmung — nach einer anderen Art zu sehen, zu fühlen und schließlich auch zu malen. Der Impressionismus erscheint hier nicht als ästhetische Mode, sondern als Ausdruck einer radikal veränderten Wirklichkeit. Smees Buch über eine Epoche, die Europa nachhaltig geprägt hat, ist sorgfältig recherchiert, reich an historischen Details und zugleich sehr gut lesbar.
3. Kris Lauwerys: Vom Licht in die Dunkelheit
In Vom Licht in die Dunkelheit, erschienen im Residenzverlag, verknüpft Kris Lauwerys die Geschichte einer Stadt mit den Biografien ihrer Bewohnerinnen: Modeschöpferin Emilie Flöge, Journalistin Milena Jesenská und Schriftstellerin Veza Canetti lebten und wirkten im pulsierenden Wien der Jahre 1900 bis 1938 – einer Epoche rasanter Veränderungen. Die Hauptstadt expandiert baulich, wächst sozial wie kulturell und erlebt zugleich tiefgreifende politische Umbrüche. Das Buch entwirft ein facettenreiches Bild Wiens aus dezidiert weiblicher Perspektive – auch wenn der Blick immer wieder auf die berühmten Männer an ihrer Seite fällt: Emilie Flöge war eng mit Gustav Klimt verbunden, Milena Jesenská mit Franz Kafka liiert, Veza Canetti die Ehefrau des späteren Nobelpreisträgers Elias Canetti. Die Frauen bleiben in diesen Konstellationen jedoch die eigentlichen starken Figuren. Flöge entzieht sich Klimts Frauenhelden-Image souverän, Kafka erscheint in seinen Briefen an Jesenská als unsicherer Zauderer, und Elias Canetti – notorischer Fremdgänger mit stiller Zustimmung seiner Frau – profitierte nicht unerheblich von Vezas literarischer Inspiration.
4. Alexandra Lavizarri: 1000 Briefe für Rodin
Camille Claudel ist eine bekannte Figur der Kunstgeschichte: eine junge, hochbegabte Bildhauerin, Schülerin und Geliebte Auguste Rodins, die an der Beziehung zu ihm zerbrach. Weniger bekannt ist die walisische Künstlerin Gwen John, die ebenfalls zu den zahlreichen Frauen gehörte, die Rodin leidenschaftlich verehrten. Sie stand ihm Modell, wurde seine Geliebte und geriet – wie zuvor schon Claudel – zunehmend in seinen Bann. Ihre künstlerische Produktivität verkümmerte, Selbstzweifel dominierten, und dennoch suchte sie unablässig seine Nähe. Immer wieder schrieb sie ihm Briefe, um die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Rodin erscheint mir in diesem Kontext als alternder, selbstbezogener Mann, der sich nur kurzzeitig für Gwen – die er „Maria“ nennt – interessiert. Der Roman 1000 Briefe für Rodin, erschienen bei Ebersbach & Simon, hat für mich nur bedingt vermittelt, welche Leidenschaft Gwen an diesen Menschen band. Der innere Antrieb, der sie immer wieder zu Rodin zurücktreibt, bleibt blass und wenig überzeugend. Mir hätte zudem eine historische Einordnung geholfen, z.B. in Form eines Nachwortes zu Leben und Werk Gwen Johns.
5. Thomas Pynchon: Schattennummer
Auf diesen Roman mussten die Fans von Thomas Pynchon einige Jahre warten. Jetzt hat der 88-jährige Autor mit Schattennummer, erschienen bei Rowohlt, ein Buch im Hardboiled-Ton vorgelegt, das im Amerika der 30er Jahre spielt: Privatdetektiv Hicks McTaggart nimmt einen Routinejob an. Er soll Daphne Airmont zurückzubringen, die Erbin eines Käseimperiums, die einerseits auf der Flucht vor ihrem Vater, dem „Al Capone des Käses“ ist, andererseits ihrer großen Liebe hinterhersucht. In Milwaukee beginnt die Handlung, im zweiten Teil springt sie nach Europa. Budapest, Fiume, diverse Hafenstädte, die Wälder Ungarns und Landschaften Kroatiens spielen eine Rolle. Das hört sich so wild an, wie es sich liest. Schnelle Dialoge, mondäne Frauenfiguren und diverse Verwicklungen erinnern an den Film Noir – und das kommt nicht von ungefähr, denn Pynchon ist großer Kinofan. Für die geniale deutsche Fassung sorgten Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl, die den Roman laut FAZ in nur einer Woche übersetzten.
6. Volker Kutscher, Kat Menschik: Westend
Mit Rath hat Volker Kutscher seine Romanreihe um Kriminalkommissar Gereon Rath (hier vorgestellt) beendet. Doch zum Glück für alle Fans gibt es mit Westend, erschienen bei Kiwi, ein weiteres Büchlein über Rath. Darin erzählt Volker Kutscher, wie es Rath, Charlotte und Fritz im Krieg und den Jahren danach ergangen ist. Dabei wählt er einen sehr eleganten Kunstgriff: Der Rückblick erfolgt in Form eines Interviews. Privatdozent Hans Singer besucht den 74-jährigen Kriminalkommissar a.D. Gereon Rath im Seniorenheim, weil er über die Arbeit der Berliner Polizei im Wechsel der politischen Systeme forscht. Insbesondere die Polizistenmorde am Bülowplatz 1931 und zwei damals steckbrieflich gesuchte Männer interessieren den Historiker. Denn die haben später im Staatsapparat der DDR eine steile Karriere hingelegt. Das Gespräch nimmt eine für Rath überraschende Wende, die hier nicht verraten werden soll. Westend ist der dritte Gereon-Rath-Band in der Reihe Illustrierte Lieblingsbücher der Illustratorin Kat Menschik. Letzte lose Fäden werden aufgenommen und offene Fragen beantwortet. Ein würdiges und originelles Ende der Reihe!
7. Michiko Aoyama: Matcha-Tee am Montag
Das Debüt von Michiko Aoyama Frau Komachi empfiehlt ein Buch haben wir hier bereits vorgestellt. Den leisen Ton dieses Romans führt die Autorin in Matcha-Tee am Montag, erschienen bei Rowohlt, fort. Und darum geht es: An jedem ersten Montag im Monat findet im Café Marble eine besondere Teeverkostung statt: Es gibt kleine süße Köstlichkeiten und zwei Sorten Matcha-Tee, die die Bitterkeit des Lebens besänftigen sollen. Der Besitzer des Cafés findet für alle Besucher die richtige Mischung und hat immer ein offenes Ohr und guten Rat für sie. So wird das Café zu einem Ort unerwarteter Begegnungen und einem Ausgangspunkt für Neubeginn und zweite Chancen. Das liest sich leicht und locker, steckt voller Lebensweisheiten und ist eine leichte Lektüre, die viel Optimismus vermittelt.
8. Elisa Shua Dusapin: Damals waren wir unzertrennlich
Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin Elisa Shua Dusapin, legt mit Damals waren wir unzertrennlich, erschienen bei KeinundAber, eine ungewöhnliche Geschichte über zwei Schwestern vor: Agathe lebt in New York als Drehbuchautorin, als Véra nach dem Tod des Vaters Kontakt mit ihr aufnimmt. Fünfzehn Jahre lang haben sich die Schwestern nicht gesehen, doch jetzt kehrt Agathe nach Frankreich zurück, um gemeinsam mit Véra ihr Elternhaus auszuräumen. Sie verbringen neun Tage miteinander und müssen wieder eine Verbindung aufbauen. Erschwerend kommt hinzu, dass Véra nicht spricht. Hatte Agathe früher das Reden für ihre kleine Schwester übernommen, steht sie jetzt einer erwachsenen jungen Frau gegenüber, die nicht mehr macht, was sie sagt. Schritt für Schritt nähern sie sich an, mit allen Schwierigkeiten, die mit einer solchen Wiederbegegnung verbunden sind. Und Agathe muss sich die Frage stellen, warum sie damals gegangen ist. Der atmosphärisch dichte Roman ist ein berührendes Familienporträt.
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Liebe Sybille,
das sind wieder wunderbare Empfehlungen, von denen wir uns bei meinem Buch-Club sicher wieder inspirieren lassen – wie auch schon bei „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“. „Vom Licht in die Dunkelheit“ hätte mich allein vom Buchcover gar nicht angesprochen, klingt aber super spannend. Über Emilie Flöge kann ich auch die Romanbiografie „Auf Freiheit zugeschnitten“ empfehlen.
Herzlichst, Dani
Liebe Dani,
es freut mich sehr, dass ich Dich für Deinen Buch-Club inspirieren kann. Danke auch für die Empfehlung zu Emilie Flöge. Das werde ich mir doch gleich mal zulegen.
Sybille