Der englische Detektivroman: Zwischen Tatort & Tea Room
Dani

Sobald die Temperaturen draußen unter zehn Grad sinken, bekomme ich Lust auf einen Cozy Krimi! Aber nicht irgendeinen – in einem englischen Dorf muss er spielen! Auch der britische Lyriker Wystan Hugh Auden betonte einmal, er könne keinen Detektivroman lesen, wenn er nicht im ländlichen England spiele. Warum ist das so? Höchste Zeit, sich dem klassischen englischen Detektivroman und dessen country life setting einmal genauer zu widmen!

Die Queens of Crimes…

Die berühmten englischen Krimis wurden fast ausschließlich von Frauen verfasst, in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen – dem Golden Age der Detektivromane. Und die drei bekanntesten, Agatha Christie (1890-1976), Dorothy L. Sayers (1893-1957) und Margery Allingham (1904-1966), hatten alle enge Verbindungen zum Land. Sayers wuchs als Pfarrerstochter in einem Dorf auf, Christie und Allingham schufen sich Refugien auf dem Lande. Etwas später schrieb P.D. James (1920-2014). Ihr erster Roman Ein Spiel zu viel mit Inspektor Adam Dagliesh ist eindeutig in der Nachfolge von Agatha Christie geschrieben – und spielt ebenfalls auf dem Lande. Bis heute dient das englische Dorf mit seinen Eigenheiten und exzentrischen Bewohnern als Kulisse für Cozy Krimis. Zu den bekanntesten Vertreterinnen zählt Caroline Graham (*1931). Sie arbeitete u.a. als Balletttänzerin, Schauspielerin, beim Radio und der Marine, bevor sie mit ihrem ersten Krimi Die Rätsel von Badger’s Drift“ gleich in die Liste der 100 besten Krimis aufgenommen wurde.

Zwar schrieb Graham „nur“ sieben Romane über Inspector Tom Barnaby, doch sie lieferte die Vorlage für eine seit 1998 in der ganzen Welt ausgestrahlten Fernsehserie, zu deren Fans sogar Queen Mum, Prinzessin Margaret und die Queen gehörten. Weitere aktuelle Cozy-Crime-Autorinnen sind M. C. Beaton (1936-2019), Ann Granger (1939-2025), Veronica Stallwood (*1939) und Val McDermid (*1955). Zwischen all diesen Damen in Tweed darf auch Richard Osman mit seinem Donnerstagsmordclub nicht unerwähnt bleiben. Was alle vereint: In ihren ländlichen Cozy Crimes werden Verbrechen nicht allzu grauenvoll dargestellt. Während in herkömmlichen Kriminalromanen das Verbrechen im Mittelpunkt steht, geht es im Detektivroman vor allem um dessen Aufklärung – und das Wissen, dass am Ende alles wieder ins Lot kommt.

Viele meiner Infos in diesem Artikel stammen aus Luise Berg Ehlers Buch Mit Miss Marple auf’s Land

Die Queens of Crimes

Die Queen of Crime: Agatha Christie

Agatha Christie in jungen Jahren – keine war so erfolgreich wie sie; die verkaufte Weltauflage ihrer Bücher soll über zwei Milliarden betragen, womit sie zu den erfolgreichsten Autoren der Literaturgeschichte zählt

Queen of Crime: P.D.James

Die prominente Krimi-Lady P.D.James wurde nach ihrer Erhebung in den Adelsstand Phyllis Dorothy James, Baroness von Holland Park (Wohngegend im Londoner Stadtteil Kensington), aber an den Wochenenden zog es sie nach Suffolk, in ihr Haus im Seebad Southwold – ihre Erfahrungen mit Kriminalität sammelte sie übrigens im Innenministerium 

… und ihre Protagonisten

Die Detektivin oder der Detektiv agiert im klassischen englischen Krimi oft als Amateur – allerdings als einer, der den Profis regelmäßig eine Nasenlänge voraus ist. Die berühmten armchair detectives lösen ihre Fälle sogar daheim vom Sessel aus, allein durch Scharfsinn, Logik und Beobachtungsgabe. Die bekannteste Vertreterin ist natürlich Miss Marple: bescheiden, altjüngferlich und doch mit einem messerscharfen Blick für menschliche Schwächen. In Mord im Pfarrhaus bringt es der Vikar herrlich auf den Punkt: „Miss Marple sieht immer alles. Gartenarbeit ist eine gute Tarnung, und die Gewohnheit, Vögel durch starke Ferngläser zu beobachten, kann stets als Erklärung dienen“. Ein weiteres Beispiel ist Miss Silver, erschaffen von Patricia Wentworth. Die unverheiratete, ehemalige Gouvernante gilt als literarische Vorgängerin von Miss Marple –  ebenso höflich, ebenso unerschütterlich, ebenso treffsicher im Entlarven von Lügen.

Neben diesen Amateurinnen gibt es klassische Privatdetektive wie Lord Peter Wimsey (Dorothy L. Sayers) oder Albert Campion (Margery Allingham). Beide stammen aus dem Adel und bewegen sich als Gentleman Detectives dadurch mühelos zwischen den Gesellschaftsschichten. In späteren Cozy Krimis sind auch Polizisten am Werk: Inspector Barnaby von Caroline Graham natürlich, oder auch Adam Dagliesh, ein gedichte-schreibender Scotland-Yard-Beamter von P.D.James. Trotz ihrer offiziellen Rolle behalten aber auch sie einen Hauch jener kultivierten Zurückhaltung und psychologischen Feinfühligkeit, die das Genre so unverwechselbar machen. Doch warum jetzt das ländliche Setting?

Queen of Crime: Margery Allingham

Der englische Detektivroman: Lord Peter Wimsey

Um ihre finanzielle Situation zu verbessern, beginnt Dorothy L. Sayers ungewöhnlich erfolgreiche Detektivromane zu schreiben – deren Held ist der reiche, gebildete, charmante und kriminalistisch versierte Lord Peter Wimsey

Der Krimi-Schauplatz: Das ländliche England

Für die Queens of Crime ist das Dorf als Schauplatz ihrer Geschichten unerlässlich. Eines der bekanntesten Krimi-Dörfer ist natürlich St. Mary Mead. Der dörfliche Frieden wird in diesem fiktiven Ort von Agatha Christie immer wieder gestört: In ganzen 16 Morden muss Miss Marple ermitteln. Das Dorf steht für eine abgeschlossene Gemeinschaft, in der alle miteinander bekannt oder verwandt sind. Dieses fragile Gleichgewicht existiert in einem scheinbar unschuldigen Zustand, bis es durch ein Verbrechen jäh erschüttert wird. Die Detektivin oder der Detektiv sorgt durch Ermittlungen dafür, dass der Schuldige bestraft und die soziale Ordnung (heile Welt) wieder hergestellt wird. Das idealtypische Dorf besitzt eine Kirche aus der Normannenzeit, einen alten Friedhof samt lychgate und – natürlich – ein Pfarrhaus.

Drum herum gruppieren sich reetgedeckte Cottages mit farbenfrohen Staudengärten. Oder, wie es Inspector Barnaby in „Das Rätsel von Badgers Drift“ beobachtet: „Ein im Fischgrätmuster gepflasterter, im Alter uneben gewordener Weg wand sich durch Lavendel-Stauden und Zypressenkraut bis zur Hintertür. Dort wuchsen Stockrosen, Nelken, Rittersporn, Thymian und Reseda“. Die wichtigsten Institutionen des Ortes sind ein traditionelles Pub und ein gemütlicher Tea Room. Auf der High Street findet sich zudem ein Laden und ein Postamt – häufig zusammengelegt. Hier pflegen die Bewohnerinnen und Bewohner Gemeinschaft und dörflichen Klatsch. In der Dorfmitte lädt ein village green mit Ententeich zu samstäglichen cricket matches oder einem Spaziergang ein. Am Rand des Dorfes thront ein Herrenhaus oder gar ein Schloss, ein great house. Auch wenn es diese idealtypischen villages kaum noch gibt, sind sie bis heute Sehnsuchtsorte, die als das „wahre England“ gefeiert werden und diese warme Atmosphäre in die Cozy Krimis zaubern.

Der englische Detektivroman

Cozy Krimi: Der typische englische Detektivroman

Institution in jedem englischen Dorf: Der Tea Room und der Dorfgasthof mit an Ketten schwingendem Wirtshausschild

Cozy Krimi: Der typische englische Detektivroman

Gelegentlich gibt es auch Abstecher in Städte, die zur ländlichen Umgebung gehören, z.B. Oxford und Cambridge

Luise Berg-Ehlers: Mit Miss Marple aufs Land

Seid Ihr auch solche Fans des englischen Detektivromans wie wir? Wenn ja: Welche schätzt Ihr ganz besonders? 

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