Ozempic: „Nur“ Abnehmspritze oder Medizin der Zukunft?
Dani

Ich war im März – im Rahmen meiner Longevity-Recherche – auf der „Turn Around Aging Conference“ in München. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Statement der Longevity-Expertin Nina Runge: Sie bezeichnete die Abnehmspritze wie Ozempic als eine der vielversprechendsten Hoffnungen der Zukunftsmedizin – und zwar nicht nur mit Blick auf Adipositas, sondern auch auf eine ganze Reihe weiterer (chronischer) Erkrankungen. Ein kleiner Überblick!

Ozempic & Co: Mehr als eine Abnehmspritze?

Spätestens seit Promis wie Kim Kardashian oder Elon Musk ganz offen über ihre „Abnehmspritze“ sprechen, ist Ozempic in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Ihr Hersteller, der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk, ist inzwischen zum zweitwertvollsten Unternehmen Europas aufgestiegen. Doch nicht nur Abnehmen wird mit der Spritze deutlich leichter: Was als Medikament zur Behandlung von Typ-2-Diabetes begann, wird mittlerweile als eine der größten medizinischen Hoffnungen der Longevity- und Präventionsmedizin gehandelt. Momentan häufen sich Studien und Erfahrungsberichte die zeigen: Der therapeutische Nutzen geht weit über Diabetes und Adipositas hinaus. Auch die Bestseller-Autorin, Journalistin, studierte Biologin und Longevity-Expertin Nina Runge bezeichnete Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro auf der Turn Around Aging Konferenz als eine der größten Hoffnungen der Zukunftsmedizin. Die enthaltenen Wirkstoffe sollen positive Effekte bei Fettleber, dem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS), chronischen Nierenproblemen und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson zeigen.

Turn Around Aging Konferenz in München

Die Turn Around Aging Conference 2025 fand wie im Vorjahr im Künstlerhaus München statt und psst: der Termin für nächstes Jahr steht bereits fest: Am 24. April 2026 geht die Longevity-Konferenz in die dritte Runde

Was ist Ozempic genau?

Ozempic enthält den Wirkstoff Semaglutid und gehört zur Gruppe der sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten*. Diese Medikamente imitieren ein körpereigenes Darmhormon namens GLP-1 (Glucagon-like Peptid 1), das nach dem Essen ausgeschüttet wird. Es regelt unter anderem die Insulinfreisetzung, verlangsamt die Magenentleerung und beeinflusst das Hungergefühl im Gehirn. Die Folge: Man fühlt sich schneller und länger satt, isst automatisch weniger, der Blutzuckerspiegel sinkt – und der Stoffwechsel kommt wieder in Balance. Ursprünglich wurde Semaglutid bei Typ-2-Diabetes eingesetzt, doch dann zeigte sich schnell, dass viele Patienten deutlich an Gewicht verloren – teilweise bis zu 15 oder sogar 20 Prozent ihres Ausgangsgewichts. Neue Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass GLP-1-Agonisten auch eine neuroprotektive Wirkung entfalten könnten: Sie senken entzündliche Prozesse im Gehirn und könnten Nervenzellen schützen – zwei zentrale Faktoren, wenn es um Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson geht.

*Agonisten heißen sie, weil sie unser natürliches GLP-1-Hormon nachahmen, aber stärker wirken

Nina Ruge auf der Turn Around Aging Konferenz in München

GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie in Ozempic & Co. gehören aktuell zu den meistdiskutierten Wirkstoffen der medizinischen Forschung – vor allem im Bereich Longevity/Auf dem Foto: Nina Ruge


In dieser Folge ihres staYoung-Podcasts spricht Nina Ruge mit Prof. Huber über die Chancen der Abnehmspritze

Ein heißer Kandidat in der Longevity-Szene

Warum aber wird Ozempic gerade in der Longevity-Szene so heiß diskutiert? Die Antwort liegt in den fundamentalen Mechanismen des Alterns. Denn viele altersassoziierte Erkrankungen haben eine gemeinsame Grundlage: Insulinresistenz, chronische Entzündungsprozesse, viszerales Fett und eine gestörte Stoffwechselregulation. Genau hier setzen GLP-1-Rezeptor-Agonisten an. Sie senken nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern wirken im ganzen Körper entzündungshemmend, regulieren das Körpergewicht und verbessern die sogenannte metabolische Flexibilität, also die Fähigkeit des Körpers, effizient zwischen Zucker- und Fettverbrennung zu wechseln. In Tierstudien wurde sogar eine Verlängerung der Lebensspanne beobachtet, was das Interesse der Longevity-Forschung zusätzlich befeuert. Viele Biohacker setzen GLP-1-Wirkstoffe darum bereits ein, um dem Alterungsprozess gezielt entgegenzuwirken.

Ozempic & Co: "Nur" Abnehmspritze oder Medizin der Zukunft?

Unsere Generation wird laut Spiegel-Journalist und Autor von „Projekt Lebensverlängerung“ im Schnitt 100 Jahre alt – doch wenn wir nicht nur alt sondern auch gesund alt werden wollen und damit die „Healthy Lifespan“ verlängern wollen, können neben einem gesunden Lebensstil auch die Zukunftstherapien helfen (siehe Pyramide von Nina Runge)

… wo ist der Haken? Und ein Ausblick!

Richtig eingesetzt kann Semaglutid eine enorme Hilfe sein: für Menschen mit starkem Übergewicht, mit Diabetes, aber auch für all jene, die aufgrund genetischer Faktoren oder hormoneller Störungen unter chronischer Insulinresistenz leiden. Ob es sich auch als „Longevity-Tool“ für gesunde Menschen eignet, ist noch offen. Die Forschung schreitet aber rasant voran und uns erwarten in den nächsten Monaten und Jahren sicher noch viele spannende Erkenntnisse. Trotz aller Euphorie gibt es  – wie so oft – auch Schattenseiten. Wer die Spritze absetzt, nimmt in der Regel schnell wieder zu, was eine langfristige Anwendung notwendig macht. Außerdem gibt es Nebenwirkungen: Übelkeit, Völlegefühl, Verdauungsprobleme, gelegentlich Kopfschmerzen. In seltenen Fällen kann es zu schwerwiegenderen Komplikationen wie einer Bauchspeicheldrüsenentzündung kommen. Außerdem wird beim Abnehmen mit Ozempic & Co. nicht nur die Fettmasse, sondern oft auch die Muskelmasse reduziert – besonders kritisch im Kontext von gesunder Alterung.

Allerdings stehen neue Medikamente wie Retatrutid bereits in den Startlöchern. Sie kombinieren alle drei Darmhormone – GLP-1, GIP, Glukagon – und versprechen noch stärkere Effekte bei gleichzeitig geringeren Nebenwirkungen. Zudem wird mit Hochdruck an Tabletten mit speziellen Schutzhüllen gegen Magensäure geforscht, die Spritzen bald ergänzen oder sogar ablösen sollen. Trotzdem bleibt für mich die Frage: Verabschieden wir uns mit dieser Spritze nicht ein Stück weit aus der Verantwortung für unseren Lebensstil? Ersetzen wir Bewegung, Achtsamkeit und ausgewogene Ernährung durch ein Medikament – und wie nachhaltig ist das wirklich? Wie seht Ihr das?

Nina Ruge: Ab Morgen Jünger

Wer noch tiefer in die heiß diskutierten Kandidaten der Zukunftsmedizin eintauchen möchte, dem sei Nina Runges neues – und wie immer hervorragend recherchiertes – Buch empfohlen: Ab morgen jünger – wie wir länger jung und gesund bleiben, erschienen im Heyne Verlag

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3 Kommentare
  • Anna sagt:

    Vielen Dank für euren Beitrag und vor allem die kritischen Worte zum Schluss.
    Ich sehe das auch als eine vielsprechende Hoffnung – für die Pharmaindustrie. Denn seien wir mal ehrlich, die hat null Interesse an einem gesunden Lebensstil, eher im Gegenteil. Je älter und kränker die Menschen, desto zuverlässiger die Einkünfte. Und wenn man jetzt noch vermeintlich gesunden Menschen Medikamente schmackhaft machen kann – perfekt!
    Ich beobachte die Longevity-Bewegung auch schon einige Zeit, und kann ihre Grundzüge 100-prozentig unterschreiben. Aber man muss sich bei sowas, Konferenzen, Büchern, Podcasts, Studien, Medikamenten, etc. immer zuerst fragen, wer daran verdient. Damit will ich nicht alles aus dem Bereich schlecht machen, aber das sollte man sich immer fragen, wenn einem etwas empfohlen wird. Und die massive Angst vor dem Tod in unserer Gesellschaft eröffnet einen neuen riesigen Markt in einer eigentlich schon übersättigten Kultur. Da muss man sich dann selber fragen, in wie weit man mitspielen möchte, möglicherweise auch auf Kosten der eigenen Gesundheit. Und lebenslang Medikamente nehmen zu müssen kann nur jemandem als eine Option vorkommen, der sich das freiwillig aussucht und nicht aufgrund wirklicher Krankheiten nehmen muss.
    Damit meine ich auf keinen Fall Diabetiker oder sonst wirklich kranke Menschen, die x-fach versucht haben auf konventionellem Weg abzunehmen. Sondern die Kardashians und Musks dieser Welt.

    Anna

  • Anna sagt:

    Ich möchte mich der anderen Anna voll und ganz anschließen. „Ein neuer riesiger Markt in einer eigentlich schon übersättigten Kultur“, das trifft es absolut.
    Herzliche Grüße
    Anna

  • Maria sagt:

    Weil viele Menschen den Wirkstoff Ozempic als Abnehmspritze nutzen, gibt es aufgrund der gestiegenen Nachfrage Lieferengpösse für Diabetiker, die auf den Wirkstoff angewiesen sind.

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