Sybilles Sommer-Bücherschau: Starke Frauen, die begeistern
Sybille

In den vergangenen Wochen habe ich mich durch sehr unterschiedliche Geschichten gelesen: von einem witzig-spannenden Kriminalfall in den Kreisen der Superreichen über eine berührende Reise in die japanische Provinz bis hin zu zwei Sachbüchern, die beeindruckende Frauen aus Musik- und Literaturgeschichte wieder ins Rampenlicht rücken. Alle erzählen von Frauen, die ihren eigenen Weg gingen und deren Leistungen viel zu oft übersehen wurden. von Sybille

1. Calla Henkel: Ein letztes Geschenk

Was für ein lustiges, rasantes Buch! Ich habe „Ein letztes Geschenk“ von Calla Henkel, erschienen bei KeinundAber, in kürzester Zeit verschlungen und mich prächtig unterhalten gefühlt. Darum geht’s: Die Künstlerin Esther Ray nimmt notgedrungen einen Auftrag für ein sorgfältig gestaltetes, mehrere Hefte umfassendes Familienalbum der Multi-Millionärin Naomi Duncan an. Diese Scrapbooks sollen ein Überraschungsgeschenk für Naomis Ehemann zu seinem Sechzigsten werden. Esther muss allerdings eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben. Angeblich, um die Überraschung nicht zu gefährden. Während Esther sich durch Berge von Fotos, Notizen und Erinnerungsfetzen arbeitet, taucht sie immer tiefer in das Leben der wohlhabenden Familie ein. Dabei stößt sie auf Widersprüche und Geheimnisse, die sich nicht so einfach erklären lassen. Als Naomi schließlich unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, wird aus einem ungewöhnlichen Kunstauftrag plötzlich eine gefährliche Spurensuche. Der Roman verbindet Gesellschaftssatire, Krimi und Familiendrama zu einer sehr unterhaltsamen Mischung und ist ein echter Pageturner.

2. Yuki Ibuki: Heimkehr nach Morioka

Von meiner Japanleidenschaft habe ich hier ja schon berichtet. Umso mehr habe ich mich gefreut, mit „Heimkehr nach Morioka“ von Yuki Ibuki wieder literarisch nach Japan reisen zu können. Im Mittelpunkt der Geschichte, erschienen im Insel-Verlag, steht die junge Mio, die sich nach Mobbing-Erfahrungen in der Schule immer weiter aus ihrem Alltag zurückzieht. Sie verlässt kaum noch ihr Zimmer und findet Trost nur in wenigen vertrauten Dingen: dem roten Schal ihrer verstorbenen Großmutter sowie Fotos auf ihrem Handy, die die ländliche Präfektur Iwate zeigen. Dort lebt ihr Großvater, der noch das traditionelle Handwerk des Wollspinnens beherrscht und eine kleine Weberei betreibt. Mio reist heimlich zu ihm und wird sehr schnell in Morioka heimisch. Während ihr Großvater seine Leidenschaft für das alte Handwerk mit ihr teilt, findet Mio Schritt für Schritt zu sich selbst zurück. Das Buch vermittelt nicht nur Wissenswertes über die Verarbeitung von Wolle, Färben von Garnen und Kunst des Webens, sondern erzählt zugleich von der Bedeutung echter Handwerkskunst, Sorgfalt und Qualität. Spannend ist zudem der feine Einblick in gesellschaftliche Dynamiken in Japan: das Streben nach Harmonie, zugleich unausgesprochene Konflikte und familiäre Sprachlosigkeit.

„Heimkehr nach Morioka“ ist ein warmherziger Roman über Heilung, Familie, Handwerk und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben – perfekt für alle, die Japan, traditionelle Kultur oder eine entschleunigende Geschichte lieben

3. Susan Tomes: Frauen am Klavier

Ich hatte lange den Eindruck, die Welt der klassischen Musik sei nahezu ausschließlich von Männern geprägt worden. Susan Tomes zeigt in ihrem Buch „Frauen am Klavier“, erschienen bei Elisabeth Sandmann, eindrucksvoll, wie falsch dieses Bild ist. Die britische Konzertpianistin, Kammermusikerin und Autorin porträtiert fünfzig Pianistinnen aus drei Jahrhunderten – darunter Clara Schumann, Amy Beach und Nina Simone, aber auch Frauen, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Die Musikerinnen komponierten, brachten neue Werke zur Uraufführung, organisierten Konzerte und erkämpften sich ihren Platz auf Bühnen, die lange Männern vorbehalten waren. Besonders beeindruckend ist das Porträt von Clara Schumann, die mit ihren Konzertreisen den Lebensunterhalt der Familie sicherte, sich um ihre Kinder kümmerte und ihren kranken Mann unterstützte – und dabei eine herausragende Künstlerin blieb. Tomes richtet zudem den Blick auf strukturelle Benachteiligungen von Frauen im heutigen Musikbetrieb, die von bestehender Ungleichheit bei internationalen Wettbewerben bis zur Standardgröße moderner Klaviaturen reicht, die sich an männlichen Händen orientiert – mit gesundheitlichen und spieltechnischen Nachteilen für viele Pianistinnen.

„Frauen am Klavier“ macht sichtbar, wie viele Frauen die Musikgeschichte geprägt haben, deren Leistungen jedoch oft übersehen oder Männern zugeschrieben wurden – eine ebenso spannende wie wichtige Lektüre für alle, die Musik lieben 

4. Ramie Targoff: Shakespeares Schwestern

Ein weiteres Buch aus dem Insel-Verlag, das zeigt, dass nicht nur Männer das kulturelle Leben ihrer Zeit prägen, ist „Shakespeares Schwestern“ von Ramie Targoffs. Ausgehend vom Tod Queen Elizabeths I., führt sie hinein in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Zeit. Im Zentrum stehen vier außergewöhnliche Frauen, die allen Um- und Widerständen zum Trotz wichtige literarische Werke schrieben. Da ist Mary Sidney, zunächst Hoffräulein von Queen Elizabeth I, die nach dem Tod ihres berühmten Dichter-Bruders, eine eigene literarische Stimme entwickelte und als erste Engländerin unter eigenem Namen Übersetzungen, ein Drama und Gedichte veröffentlichte. Ebenfalls beeindruckend ist Elizabeth Cary, deren „The Tragedy of Mariam“ als das erste von einer Frau verfasste und veröffentlichte Drama in England gilt. Berührend ist auch die Geschichte von Aemilia Lanyer. Ihre Gedichte wurden lange Zeit nicht als eigenständige literarische Leistung gewürdigt, sondern unter dem Titel „The Poems of Shakespeare’s Dark Lady“ veröffentlicht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Frauen oft nur über ihre Verbindung zu berühmten Männern wahrgenommen wurden. Ramie Targoff setzt diesen Frauen mit ihrem Buch ein Denkmal.

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