Sybilles Bücherschau: Starke Frauen unterschiedlicher Zeiten

Starke Frauen aus ganz unterschiedlichen Zeiten stehen im Zentrum meiner heutigen Bücherschau. Über manche – wie Lola Montez oder Gertrude Stein – meint man schon alles zu wissen, doch die Bücher von Marita Kraus und Alice B. Toklas zeigen ganz neue Seiten auf. Alma Karlin ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts allein auf Weltreise gegangen und Nancy Cunard hat sich bereits in den 1930ern für Minderheiten und Menschenrechte eingesetzt. von Sybille

1. Marita Kraus: Lola Montez

Über Lola Montez, die Geliebte des Königs Ludwig I. von Bayern, gibt es einige Bücher und auch Verfilmungen. Sie wurde in Großbritannien geboren, „vermarktete“ sich aber als temperamentvolle Spanierin. Marita Kraus konnte für ihr Buch als erste auf die Tagebuchaufzeichnungen des Königs zurückgreifen und kommt so zu neuen Erkenntnissen im Zusammenleben von Tänzerin und König. Zugleich zeigt die Biografie, wie Lola sich gegenüber Männern verhält, die ihr reihenweise verfallen. Sie manipuliert, droht mit Selbstmord, bekommt Wutausbrüche in aller Öffentlichkeit. Trotzdem bleibt Ludwig ihr zugetan und ernennt sie zur Gräfin. Der König muss wegen der Affäre abdanken, Lola zieht weiter bis in eine Goldgräberstadt in Nevada und landet letztendlich in New York, wo sie erneut zur Berühmtheit wird. Eine spannende und seriöse Biographie, die mich wirklich gefesselt hat. Lola Montez ist im Beck Verlag erschienen.

2. Alma Karlin: Im Banne der Südsee

Am 24.11.1919 brach Alma Karlin zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher, die sie nach ihrer Heimkehr ins slowenische Celje verfasste, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen ihrer Zeit. Den ersten Band hatten wir hier schon vorgestellt. Im zweiten Band der Reisetrilogie „Im Banne der Südsee“ reist sie von China über die Philippinen, Borneo, Australien, Neuseeland und die Fidschi-Inseln bis nach Papua-Neuguinea. Sie ist allein unterwegs und verdient sich ihren Lebensunterhalt selbst. Die Autorin überzeugt mit scharfer Beobachtungsgabe und trockenem Humor. Eher unangenehm für heutige Leser ist das immer wieder spürbare Gefühl der geistigen und moralischen Überlegenheit als Europäerin, was der Zeit geschuldet ist und diesen wunderbaren Reiseberichten nichts von ihrer Qualität nimmt. „Im Banne der Südsee“ ist gebunden und mit Lesebändchen versehen im Aviva Verlag erschienen.

3. Alice B. Toklas: Gertrude Stein

Die legendäre Autobiografie über Gertrude Stein von Alice B. Toklas erschien bereits 1933 und wurde jetzt neu aufgelegt. Die US-amerikanische Autorin war die Sekretärin und Lebensgefährtin der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein. Ich gebe zu, dass ich mich an den atemlosen Ton und die Sätze, die zum Teil ohne Punkt und Komma verfasst wurden, gewöhnen musste. Aber wenn man sich dem Strom der Wörter überlässt, taucht man förmlich ein in den Salon der amerikanischen Geschwister Stein in der Rue de Fleurus 27 Paris, der als wichtigster Treffpunkt der Avantgarde galt. Hier gaben sich Hemingway, Matisse, Picasso und viele andere die Klinke in die Hand. Das amüsante, authentische Portrait der Pariser Boheme wurde über Nacht zum meistgelesenen Buch zwischen Montmartre, Rive Gauche und Deux Magots. „Gertrude Stein“ ist bei Ebersbach & Simon erschienen.

4. Unda Hörner: Nancy Cunard

Nancy Cunard war nicht nur Millionenerbin und Ikone der 1920er-Jahre. Sie verkehrte mit Surrealisten, hatte eine Affäre mit Louis Aragon und verlegte Texte von T.S. Eliot oder Samuel Beckett. Neben der Literatur war der Kampf für die Rechte von Minderheiten ihre große Leidenschaft. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem afroamerikanischen Jazz-Pianisten Henry Crowder, trieb sie ihr Herzensprojekt, die Harlem-Renaissance-Anthologie „Negro“, voran. Unda Hörner gelingt es, auf unterhaltsame und trotzdem seriöse Weise, nicht nur das aufregende Leben von Cunard zu erzählen, sondern auch ihren leidenschaftlichen Einsatz für Minderheiten und Menschenrechte und den Kampf gegen den Faschismus deutlich zu machen. „Nancy Cunard“ ist bei Ebersbach & Simon erschienen.

Sybilles Bücherschau: Lola Montez, Alma Karlin, Gertude Stein und Nancy Cunard

5. Clifton Spargo: Beautiful Fools

Die Ehe von Zelda und Scott Fitzgerald war alles andere als glücklich. F. Scott beneidete seine Frau um ihre Kreativität (tatsächlich trug sie einiges zu seinen Romanen und Erzählungen bei), sie trauerte der verpassten Karriere als Tänzerin nach. Nach außen hin wirkte sie glamourös und kreativ, doch sie war an einer Psychose erkrankt und F. Scott war schwer alkoholsüchtig. Der Roman „Beautiful Fools“ spielt 1939. F. Scott Fitzgerald, Erfolgsautor des Weltbestsellers „Der große Gatsby“, ist hochverschuldet und schlägt sich als Drehbuchschreiber durch. Trost findet er bei seiner Geliebten und im Alkohol. Zelda ist in einer Privatklinik untergebracht. In einem letzten Versuch, die Beziehung zu retten, reist das Paar auf den Spuren der goldenen Zeiten nach Kuba. Die Schilderung der verzweifelten Versuche der beiden Protagonisten, wieder Glück zusammen zu finden, sind sehr berührend, lebendig und detailliert erzählt. Allerdings könnten LeserInnen, die die Geschichte der Fitzgeralds nicht kennen, manchmal etwas ratlos dastehen, denn der amerikanischer Schriftsteller Clifton Spargo setzt eine Menge Vorwissen voraus, das so im Roman nicht geliefert wird. Trotzdem eine absolute Leseempfehlung. Beautiful Fools ist bei Ebersbach & Simon erschienen.

6. Claude Anet: Ariane

„Ariane – Liebe am Nachmittag“ kannte ich bisher nur als Film mit der zauberhaften Audrey Hepburn. Die Vorlage ist eine kleine Liebesgeschichte aus den 20er Jahren, die von Claude Anet verfasst wurde und zur Entstehungszeit einen kleinen Skandal auslöste. Ariane, eine Abiturientin, ist hochintelligent und steckt voller moderner Ideen, auch zur Emanzipation und zur Liebe. Da ihr die Männer zu Füßen liegen, gibt sie sich besonders kühl und distanziert. Und sie will mit ihnen so spielen, wie Männer es mit Frauen tun. Als sie dem älteren Konstantin begegnet, achten beide darauf, sich bloß nicht ineinander zu verlieben. Und natürlich kommt alles ganz anders. Ariane ist bei Dörlemann erschienen.

7. Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Elizabeth Taylor befasst sich in ihren Romanen mit allen Facetten des Alltagslebens. So auch in „Mrs Palfrey im Claremont“. Das Claremont ist ein Hotel, in dem alte Menschen den Rest ihres Lebens verbringen. Dazu zählt auch die kürzlich verwitwete Mrs Palfrey. Ihre neugierigen und zum Teil verbitterten Mitbewohnerinnen leben von Krümeln der Zuneigung und Schnipseln von Klatsch und Tratsch. Gemeinsam wehren sie, dank der berühmten britisch steifen Oberlippe, ihre größten Feinde ab: die Langeweile und den Tod. Mrs Palfrey braucht einige Zeit, bis sie sich an das Leben im Hotel gewöhnt hat. Und dann taucht ein mittelloser junger Schriftsteller auf, mit dem sie Freundschaft schließt und der sie als Vorbild für seinen Roman verwendet. „Mrs Palfrey at the Claremont“ wurde 2005 mit Joan Plowright und Rupert Friend in den Hauptrollen verfilmt. Mrs Palfrey im Claremont ist bei Dörlemann erschienen.

Sybilles Bücherschau: Ariane, Elizabeth Tayor, Zelda Fitzgerald

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2 Kommentare
  • Dani sagt:

    Liebe Sybille,

    das sind mal wieder tolle Tipps – vor allem die Bücher über Lola Montez, Nancy Cunard und Ariane interessieren mich sehr. Was ist denn Dein persönlicher Favorit gewesen?

    Herzliche Grüße
    Dani

  • Sybille sagt:

    Liebe Dani,

    mein Favorit ist das Buch über Lola Montez. Ich war sehr davon fasziniert, wie eine im Nachhinein so unsympathische Frau ihr Umfeld so beeinflussen konnte, dass alle nach ihrer Nase tanzten. Heute würde man wohl eine narzistische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Außerdem hat sie sich in ihrem Leben immer wieder neu erfunden und so ein sehr selbstständiges Leben geführt, was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit war.

    Lieben Gruß
    Sybille

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