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Seid Ihr bereit, Euch ein wenig zu gruseln? Dann habe ich hier ein paar feine kleine Literaturperlen, die wie ich finde, besonders gut in den Herbst passen. Darunter sind drei Klassiker von E.T.A Hoffmann, Washington Irving und Guy de Maupassant mit wunderschönen Illustrationen, die den Schauer der Lektüre wunderbar unterstreichen. Die spannende Neuerscheinung „Goliaths Auge“ muss sich hinter ihren literarischen Vorgängern keineswegs verstecken. von Sybille
1. E.T.A Hoffmann: Der Sandmann
E. T. A. Hoffmanns skurrile, bisweilen unheimliche Geschichten haben mich von jeher fasziniert. Besonders angetan hat es mir „Der Sandmann“. Die 1816 veröffentlichte Erzählung gehört für mich zu den eindrucksvollsten Werken der Schwarzen Romantik. Umso schöner, dass der Insel Verlag diesen Klassiker nun mit wunderschönen Illustrationen von Stella Dreis neu in Szene setzt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Student Nathanael, der von den traumatischen Erinnerungen an seine Kindheit verfolgt wird. Damals fürchtete er sich vor dem Sandmann, einer schauerlichen Gestalt, die er mit dem unheimlichen Coppelius verbindet. Dieser taucht immer wieder im Leben seiner Familie auf und führt gemeinsam mit Nathanaels Vater rätselhafte Experimente durch. Was genau damals geschah, bleibt lange im Dunkeln – doch die Angst hat sich tief in Nathanaels Seele eingebrannt. Jahre später verliebt er sich in die geheimnisvolle Olimpia.
Sie scheint all das zu verkörpern, wonach er sich sehnt. Doch während Nathanael von ihr vollkommen hingerissen ist, begegnet seine Umwelt ihr mit Befremden. Was sieht er in ihr, das allen anderen verborgen bleibt? Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn, zwischen äußerer Bedrohung und inneren Ängsten.
„Der Sandmann“ zählt bis heute zu den meistgelesenen und meistinterpretierten Erzählungen der Romantik. Sogar Sigmund Freud hat sich mit Hoffmanns Erzählung beschäftigt. In seinem Essay „Das Unheimliche“ analysiert er die Geschichte und untersucht, wie tief verwurzelte Ängste und verdrängte Konflikte unser Erleben prägen. Auch das Theater hat sich immer wieder von Hoffmanns Stoff inspirieren lassen. Unter anderem hat der amerikanische Regisseur Robert Wilson die Erzählung visuell beeindruckend im Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert.
Als echter Fan musste ich mir das Stück „Der Sandmann“ im Düsseldorfer Schaupielhaus gleich sechs Mal anschauen
2. Washington Irving: Die Sage von Sleepy Hollow
Ich gebe zu: Zuerst kannte ich nur die Verfilmung von Tim Burton. Erst später entdeckte ich, dass hinter dem düster-schaurigen Stoff eine der bekanntesten Erzählungen der amerikanischen Literatur steckt. Washington Irving, der Autor der „Sage von Sleepy Hollow“ gehörte zu Lebzeiten neben James Fenimore Cooper, dem Schöpfer der Lederstrumpf-Romane, zu den international meistgelesenen amerikanischen Autoren. Nun hat der Insel Verlag die kleine Schauergeschichte in einer neu übersetzten Ausgabe veröffentlicht. Die bunten, holzschnittartigen Illustrationen des Comiczeichners und Illustrators ATAK unterstreichen die Erzählung auf besondere Weise. Die erstmals 1820 veröffentlichte Geschichte führt in das verschlafene Tal von Sleepy Hollow und zu Dorfschulmeister Ichabod Crane.
Nach einem üppigen Festmahl, bei dem die Gäste einander allerlei Schauergeschichten erzählen – unter anderem über einen kopflosen Reiter – macht sich der etwas einfältige, abergläubische Volkschullehrer auf den Heimweg. Plötzlich taucht am Wegesrand ein geheimnisvoller Fremder auf, der wortlos neben Crane reitet. Als sich das Licht für einen kurzen Augenblick aufhellt, erkennt der Schulmeister, dass der Reiter keinen Kopf hat. Den abgeschlagenen Kopf trägt er vor sich auf dem Sattelknauf. Crane ergreift panisch die Flucht, doch der gespenstische Verfolger nimmt die Verfolgung auf. Schon glaubt der Schulmeister, die rettende Kirchenbrücke erreicht zu haben, als sich der Reiter erhebt und seinen Kopf nach ihm schleudert… Mehr wird an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten!
3. Guy de Maupassant: Der Horla
„Der Horla“ von Guy de Maupassant gehört zu den Schlüsseltexten der fantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Der Reclam Verlag hat ihn in einer Schmuckausgabe mit faszinierenden Illustrationen von Anna und Elena Balbusso neu aufgelegt. Im Tagebuchstil schildert Maupassant in seiner 1887 erschienenen Erzählung den geistigen Verfall eines Menschen. Im Zentrum der Geschichte steht ein Dichter, der in seinem Tagebuch von einer zunehmend beängstigenden Erfahrung berichtet. Seit Tagen wird er von Fieber geplagt, sein körperlicher und geistiger Zustand verschlechtert sich zusehends. Doch es ist nicht allein die Krankheit, die ihm zu schaffen macht: Er ist überzeugt, dass sich ein unsichtbares Wesen in seiner Wohnung eingenistet hat und sich Nacht für Nacht auf seine Brust setzt.
Dabei scheint ihm das Wesen die Kontrolle über den eigenen Willen zu entziehen. Die beunruhigenden Vorfälle häufen sich: Buchseiten blättern sich wie von selbst um, im Spiegel bleibt sein Abbild aus, und die Wasserkaraffe ist am Morgen leer, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, daraus getrunken zu haben. In seiner Verzweiflung legt der Dichter schließlich Feuer an sein Haus, um sich von dem unsichtbaren Eindringling zu befreien. Die unheimliche Wirkung der Erzählung gewinnt zusätzliche Tiefe vor dem Hintergrund von Maupassants Leben. Seine Erfahrungen im Deutsch-Französischen Krieg, sein Blick auf die bürgerliche Gesellschaft und nicht zuletzt seine eigene gesundheitliche Gefährdung durch eine Syphilis-Erkrankung und psychische Krisen spiegeln sich in der düsteren Geschichte.
4. Diego Muzzio: Goliaths Auge
Als Teenager habe ich mit allergrößtem Vergnügen Gruselromane verschlungen. Edgar Allan Poe war mein Idol, dicht gefolgt von H.P. Lovelace. Der kleine Roman „Goliaths Auge“ des argentinischen Autors Diego Muzzio, der im Mare-Verlag erschienen ist hat mich wieder an diese Leseerlebnisse erinnert. Im Zentrum des in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg spielenden Romans steht der Psychiater Edward Pierce, der in einem schottischen Sanatorium mit innovativen Hypnosemethoden arbeitet. Einer seiner Patienten ist der Ingenieur David Bradley, der immer wieder in manische Schwimmbewegungen verfällt. Einziges Zeugnis der vergangenen Wochen ist sein Tagebuch, das Grausames erahnen lässt. Es enthält Aufzeichnungen seines Aufenthalts auf einer einsamen Insel, wo Bradley einen alten Leuchtturm auf einer einsamen patagonischen Insel reparieren und warten sollte.
Pierce ist fasziniert und hofft, dass Bradleys Heilung ihm zu internationalem Ruhm verhilft. Doch je mehr er sich mit seinem Patienten beschäftigt, desto mehr verstrickt er sich in seiner eigenen düsteren Vergangenheit. Der Leuchtturm wird zum Symbol der Einsamkeit. Gleichzeitig ist auch immer der 1. Weltkrieg als zerstörerische Kraft im Hintergrund präsent. „Goliaths Auge“ ist verschachtelt erzählt, bleibt aber immer ungemein packend. Neben den Horrorszenarien im Leuchtturm sind insbesondere die Schilderungen der Schlachtfelder des 1. Weltkrieges sehr bedrückend. Das Grauen, das sich Menschen in Kriegen (aber auch in nicht kriegerischen Szenarien) antun, und die Verheerungen, die dadurch in den Seelen entstehen, prangert Muzzio unmissverständlich an. Fun Fact: Robert Louis Stevenson, auf dessen Geschichten sich das Buch bezieht, stammt aus einer Familie von Leuchtturm-Erbauern.
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