Der britische Landhausstil

Wedgwood

Die Briten lieben eine Mischung aus Alt und Neu/a.d. Foto: Wedgwood-Design

Der englische Garten, das englische Picknick, der englische Tee, der englische Humor und überhaupt die „feine englische Art“ – Das Englische galt Jahrhunderte lange als Gütesiegel. Wer etwas auf sich hielt, der lebte englisch. Großbritanniens Kultur beeinflusste ganze Epochen. Und auch wenn der gemeine Engländer heutzutage klischeemäßig eher als etwas stumpf gilt, so finden wir vor allem auf dem britischen Lande letzte Bastionen des stilvollen, traditionellen Einrichtungs- und Lebensstils.

 Alle lieben das britische Landleben

Ende des 19. Jahrhunderts, während der viktorianischen und edwardianischen Jahre, fand die Anglophilie ihre größte Ausbreitung. Ein Viertel der Weltbevölkerung lebte als Untertan ihrer Majestät. Wer nicht dazugehörte, für den gereichte alles Englische trotzdem zum Vorbild: Die einen liebten die neue Modesportart Tennis, die anderen suchten sich eine Nanny für die Kindererziehung, importierten Möbel aus englischen Werkstätten oder Geschirr von Wedgwood oder Spode. Alle aber liebten sie das britische Landleben.

Hunting, shooting und fishing

Als „Landed Gentry“ bezeichnet man seit dem 16. Jahrhundert den niedrigen Landadel – also Barone und Knights (Ritter) – der bis Anfang des 19. Jahrhunderts die Hälfte aller Abgeordneten im Unterhaus stellte. Die Familien pendelten zwischen London, den Landsitzen, Badeorten wie Bath und befreundeten Adligen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wollte das wohlhabende Bürgertum es ihnen gleich tun. Sie legten vornehme Herrenhäuser an, verzichteten allerdings auf die Landwirtschaft. Ihr Landleben war allein aufs Vergnügen ausgerichtet. Dazu zählten natürlich die Country Sports, seit dem Mittelalter adelige Traditionssportarten: hunting (Fuchsjagd), shooting (Jagd) und fishing (Fliegenfischen).

 

Einen wunderbaren Einblick in das englische Landleben gewinnt man in Julian Fellows Serie Downtown Abbey, die jüngst auch auf Deutsch erschienen ist. Aber auch Jane Austens Romane wie Emma, verfilmt in Claydon House, oder Sinn und Sinnlichkeit, gefilmt auf Compton Castle, spiegeln den Lebensstil wider.

 

Drei Gundprinzpien des Britischen Wohnstils

Auch der Einrichtungsstil der englischen Landhäuser wurde seit jeher verehrt und kopiert. Zu den drei Grundprinzipien des britischen Stils gehören laut Bernhard Roetzel der geerbte Look, der Mustermix und die Symmetrie. Die Engländer lieben es, alte und neue aber auch alte und sehr alte Möbel geschickt zu mischen und dabei bewusst Stilbrüche zu begehen. So kollidieren Farben, Muster und Stilrichtungen. Tapeten, Teppiche, Bezüge, Vorhänge, Lampenschirme und Kissen sind in unterschiedliche Muster getaucht. Der Grund: Eine Stilreinheit verrät, dass nicht die Zeit, sondern ein Innenarchitekt am Werke war.

 Alles eine Frage der Symmetrie

Wie bei einer Wachsjacke von Barbour gilt auch hier: Gebrauchsspuren dürfen nicht wegrestauriert werden, sondern sind gewollt. Je verschlissener ein Polstermöbel, desto besser. Der eher unruhige Muster- und Stilmix wird von den Briten durch eine totale Symmetrie der Möbelstellung ausgeglichen. Es wird ein Mittelpunkt festgelegt, um den herum alles symmetrisch gruppiert wird. Idealerweise handelt es sich dabei um den Kamin, neben den rechts und links zwei Vasen und darüber zwei Bilder angeordnet werden. Ob Kerzen, Lampen, Sitzmöbel oder Beistelltische – alles wird in doppelter Anzahl erworben, Einzelobjekte wie eine Kaminuhr oder ein Tisch wandern in die Mitte.

British Style von Bernhard Roetzel

British Style

British Style von Berhard Roetzel und Claudia Piras ist im Verlag h.f.ullmann erschienen

Mehr über den britischen Stil erfahrt Ihr in British Style von Bernhard Roetzel. Beispielsweise könnt Ihr nachlesen, dass die Briten ein Volk der Sammler sind: Ob Briefmarken (Georg V.), Möpse aus Meissner Porzellan (Duke of Windsor und seine Frau Wallis), kostspielige Gemälde (Georg IV.), Zwergenfiguren (Prince Charles), Eierbecher, Briefbeschwerer, Hüte, Regenschirme, Puderdosen, Uhren oder Schmuck – die Briten stöbern liebend gerne in Auktionshäusern wie Christie’s, auf Flohmärkten wie Bermondsey Market oder Antiquitätenmärkten wie Alfies Antique Market.

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7 Antworten zu “Der britische Landhausstil”

  1. Brockdorff Sagte:

    Fabelhaft!
    Der Engländer hat halt Stil im Blut.

  2. Isabelle Sagte:

    Ich habe selbst altes Wedgwood-Geschirr geerbt und halte auf Flohmärkten immer fleißig Ausschau nach englischem Porzellan. Dani, magst Du darüber nicht mal einen extra Artikel schreiben?

    Liebe Grüße
    Isabelle

    P.S.: Ein wundervoller Artikel! Und Downton Abbey muss ich mir unbedingt mal anschauen.

  3. Dani Sagte:

    Liebe Isabelle,

    jeder, der anfängt Downton Abbey zu schauen, liebt die Serie. Plane also schon mal ein bisschen Zeit ein. :-) Einen Artikel über britisches Porzellan habe ich in der Tat geplant, nachdem Sybille und ich auf der Ambiente so wundervolles Geschirr entdeckt haben…

    Herzliche Grüße
    Dani

  4. Joana Sagte:

    Splendid! Marvelous!

    wie der Engländer wohl sagen würde.
    Sehr schöner Artikel. Gut auf den Punkt gebracht, was den britischen Stil ausmacht.

    Werde mir Downton Abbey auch mal ansehen.

    Liebe Grüße, Joana

  5. Maja Sagte:

    Oh ein toller Artikel. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Da wir im Mai für 4 Tage nach London fliegen ist das ein schöner Einblick. Ich bin gespannt wie es sich von Schottland unterscheidet. Da haben wir unseren letzten Sommerurlaub verbracht.

    Liebe Grüße
    Maja

  6. concetta Sagte:

    diesest stil sagt mir auch sehr zu. und so ähnliche teiterstiefel besitze ich sogar. ein absolut toller stiefel, zu allem kombinierbar =)

  7. Ina Sagte:

    Ich liebe den englischen Lebensstil und werde von meinen Kollegen oft als Miss Marple bezeichnet. Das passiert eben, wenn man im karierten Schotten-Rock, mit Hut auf dem Kopf und Perlenkette um den Hals zur Arbeit erscheint ;-)
    Das Buch British Style habe ich bereits seit ein paar Jahren zu Hause und schaue immer wieder gerne rein. Es lehrt uns nicht nur etwas über die englische Wohnkultur, sondern auch über den Engländer an sich, seine Eigenarten und wie er die Dinge sieht. Wirklich ein tolles Buch und sehr zu empfehlen!
    Downton Abbey habe ich verschlungen, sobald es auf DVD erschienen ist und ich erwarte jede neue Staffel ungeduldig. Und ich liebe es!
    Es gibt keine schönere Beschäftigung für den Sonntag-Nachmittag als eine Tasse Tee, einen Scone mit Clotted Cream, selbstgemachter Erdbeermarmelade und Downton Abbey im Fernsehen!

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