Tinder-Schwindler & Co.: Ein paar Gedanken zum Thema Trickbetrug
Virginia

Seit unsere Tochter letztes Jahr geboren wurde, sind wir bei Netflix und Co. ziemlich aus dem Rennen. Vor einigen Wochen allerdings war einer dieser gemütlichen mittlerweile raren Abende auf der Couch und ich habe mich durch Netflix gescrollt. Was mir dabei ins Auge gefallen ist, hat mich nachhaltig beschäftigt: Unter den Top 10 auf Netflix wurden mir gleich zwei Filme angezeigt, in denen es um wahre Geschichten rund um Trickbetrüger ging: Inventing Anna und Der Tinder Schwindler. Wir waren erstaunt, wie es zwei thematisch gleiche Werke mit diesem doch eher ungewöhnlichen Inhalt in die Top 10 schaffen konnten und wollten uns selbst ein Bild machen. von Virginia

Anna Sorokin und Simon Hayut: Getarnt als Millionenerben

Unser erster Versuch „Inventing Anna“ konnte mich zwar nicht fesseln, ließ mich aber irgendwie ratlos zurück. Die Miniserie erzählt die wahre Geschichte der russisch-deutschen Hochstaplerin Anna Sorokin alias Anna Delvey, die – getarnt als Millionenerbin – Teile der New Yorker Kunst- und Immobilienszene sowie namhafte Banken erfolgreich hinters Licht führte und um insgesamt rund 275.000 USD erleichterte. Unser nächster Versuch war „Der Tinder-Schwindler“ – auf Netflix als meistgesehener Film angepriesen und auf Social Media gehypt. Der Tinder-Schwindler ist im Gegensatz zu Inventing Anna ein Dokumentarfilm, der mit Hilfe von drei betroffenen Frauen darstellt, wie der israelische Schwindler Simon Hayut alias Simon Leviev die Onlinedating-Plattform Tinder missbraucht, um das große Geld zu machen. Er gab sich jahrelang als weltgewandter Jetsetter und Millionenerbe der „Diamanten-Dynastie Leviev“ aus und schaffte es, 10 Frauen, zum Teil gleichzeitig, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen insgesamt ca. 10 Millionen US-Dollar abzuknöpfen und so sein Luxusleben zu finanzieren. Klingt unglaublich? Wäre es keine Doku, hätte ich das Ganze wohl als rasante Story eines etwas übermütigen Hollywood-Storytellers abgetan. Doch dem ist mitnichten so.

Tinder-Schwindler & Co.: Gedanken zum Thema Trickbetrug

Die Scammerinnen und Scammer überlegen sich einfallsreiche Geschichten und erfinden erfolgreiche Rollen

Das Vorgehen nennt sich „Scamming“

Was Anna Sorokin und Simon Hayut gemeinsam haben ist ihr Vorgehen, was unter Scamming („betrügen“) eingeordnet wird. Primäres Ziel von Scammern ist es, ihre Opfer um ihr Geld zu erleichtern. Dass Sorokin unter Vorspiegelung falscher Tatsachen vor allem den Snobismus der New Yorker Upperclass ausnutzte, die eine Person nur wegen eines potenziellen Millionenerbes als eine der Ihren akzeptiert und vor lauter Blenderei das Denken vergisst, lässt einen fast etwas amüsiert grinsen. Was Simon Hayut jedoch, zum Leid seiner Opfer, nahezu perfektioniert ausführte ist besonders perfide: Beim sogenannten Love Scamming geht es ebenfalls um finanziellen Betrug, jedoch werden hier die auserwählten Opfer nicht nur finanziell sondern auch emotional geschädigt. Die Täter nutzen Onlinedating-Plattformen und soziale Medien um Opfer zu finden; mit besonderer Fürsorge und Aufmerksamkeit bauen sie eine Verliebtheit und Vertrauensbasis auf, um sich dann recht bald immer mehr finanzielle Zuwendung zu erschleichen. Offenbar ist der Tinder-Schwindler kein Einzelfall. Zwar kassiert nicht jeder Schwindler gleich in Millionenhöhe wie Simon Hayut, jedoch finden derlei Betrügereien auch in kleinerem Rahmen statt und verursachen viel Leid.

Einfallsreiche Geschichten und Rollen

Die Gründe, warum das Geld vermeintlich benötigt wird sind so vielfältig wie einfallsreich: gestohlene Koffer und Dokumente auf einer Geschäftsreise, eine benötigte lebensrettende Operation eines nahen Angehörigen, unbezahlter Lohn und dadurch vorgeblich kurzfristige Geldknappheit. Auch die Rollen, die von den Scammern eingenommen werden, sind einfallsreich. Beliebt ist nach wie vor der Erbe, der zwar genug Geld im Hintergrund hat, jedoch kurzzeitig nicht darauf zugreifen kann. Häufig ist auch die Rolle des amerikanischen Soldaten im Auslandseinsatz, der aus verschiedensten Gründen nicht auf sein privates Geld zugreifen kann und deshalb finanzielle Hilfe seiner Partnerin erbittet. Laut der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes ist das Vorgehen der Männer immer gleich: Sie geben sich als erfolgreiche Ingenieure, Architekten, Soziologen oder Konstrukteure in der Ölindustrie aus; verleihen sich mit einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte einen interessanten Rahmen und seriösen Anstrich. Doch der Fall Sorokin zeigt, dass auch Frauen Scammer sein können. Diese umgeben sich gerne mit der Aura einer Florence Nightingale und spielen ihre Rollen als hingebungsvolle Krankenschwestern oder Mitarbeiterinnen in Waisenhäusern. Der Anstrich als mysteriöse Schauspielerin oder erfolgreiche Geschäftsfrau scheint ebenfalls zu funktionieren.

Tinder-Schwindler & Co.: Gedanken zum Thema Trickbetrug

Was die Scammer – egal ob männlich oder weiblich – eint, sind ein perfektes Englisch sowie die in der Regel gefakten oder gestohlenen Profilfotos, die sie als äußerst attraktive, vertrauenserweckende Menschen zeigt. Das zeigt, wie einfach es heutzutage ist, Menschen zu täuschen und eine Person und/oder ein Leben vorzugaukeln.

Wir teilen zu viel Privates!

Wer regelmäßig auf Onlinedating-Plattformen oder Social Media unterwegs ist, sollte sich über die vielfältigen Betrugsmaschen informieren, um mögliche Scammer frühzeitig zu erkennen. Viele von uns teilen auf Instagram und Blogs mitunter (zuviel) Privates, lassen fremde Menschen am Gedankengut teilhaben und verschaffen ihnen freiwillig Einblicke in’s Leben. Wer zu vieles ungefiltert teilt, legt womöglich unwissentlich die eigene Achillesferse offen, was potentiellen Betrügern einen spielend leichten Zugang ermöglicht. Wenn man bedenkt, wie viele Möglichkeiten sich für die Betrüger und emotionalen sowie physischen Missbrauch ergeben, wird einem schnell schwindelig. Darüber hinaus zeigen Sorokin und Hayut wie leicht es ist, ein Leben vorzugaukeln, welches nicht existiert. Wenn auch in anderem Rahmen, so ist es auf Social Media doch ein häufiges Thema: das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht genug oder das Richtige zu besitzen. Scrollt man durch seinen Feed, sieht man glückliche Menschen, perfekte Kinder und noch perfektere Ehemänner, schicke Häuser, Hochglanz-Urlaube, falten- und dellenfreie Körper – sorgenfreie Leben.Tinder-Schwindler & Co.: So entgeht Ihr Trickbetrug

Sorokin und Hayut haben die Menschen, die sie betrogen haben jeweils an Ihrer Achillesferse gepackt, sich so Zugang zu Ihren Opfern erschlichen und sie im großen Stil finanziell erleichtert sowie emotional ausgebeutet

Social Media: Mehr Schein als Sein

Doch wir sollten uns regelmäßig zweierlei Dinge bewusst machen: Was wir auf Social Media sehen, sind lediglich gefilterte und ausgewählte Momentaufnahmen; Sekunden aus einem Tag, der ebenso 24 Stunden hat wie der Eigene und in dem ebenso wenig alles perfekt ist wie im eigenen Dasein. Die gewährten Einblicke sind bewusst positiv und geschönt. Denn mal ehrlich, wer möchte schon den morgendlichen Wutanfall des jüngsten Kindes an der Supermarkt-Kasse, den Ehemann, der mal wieder den Hochzeitstag vergessen hat, die überquellenden Wäschekörbe und die Lebensmittelvergiftung im Sommerurlaub sehen? Jeder zeigt bewusst das, was er zeigen möchte und verbirgt die Dinge, die einem nicht repräsentativ genug erscheinen. Doch wie es hinter den Kulissen aussieht und ob die jeweilige Person wirklich authentisch ist – wie sicher können wir das wissen? Ich für meinen Teil nehme den Tinder-Schwindler zum Anlass, auch weiterhin alles sehr kritisch zu hinterfragen was ich auf Social Media teile, nach wie vor möglichst wenig Privates preiszugeben und neuen Online-Bekanntschaften mit angemessener Portion Vorsicht entgegenzutreten.

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