Teil 2: Interview mit Benimm-Expertin Inge Wolff

Im zweiten Teil des Interviews mit dem Lady-Blog spricht die Expertin für Umgangsformen Inge Wolf über den Sinn von Benimm- und Kleiderregeln. Sie stellt dar, welches Verhalten den Umgang mit unseren Mitmenschen erleichtert und warum die Etikette von damals heute nicht mehr gelten kann. Das Interview führte Sybille Hilgert

Frau Wolff, gibt es überhaupt noch Benimmregeln?

Unser Arbeitskreis für Umgangsformen gibt keine Regeln heraus, nur Empfehlungen. Und diese gelten, obwohl wir ein internationaler Arbeitskreis sind, auch nur für Deutschland. Viele tun so, als hätten sie das Recht, anderen Menschen Regeln aufzustellen. Doch wer erwachsene Menschen so diktatorisch behandelt, wird eher Unmut auslösen, als die angenehme Kommunikation zu fördern.

Muss es denn keine grundsätzlichen Regeln geben für den Umgang miteinander?

Müssen ist für mich ein absolutes Unwort. Denn jedes „müssen“ beraubt mich meiner Entscheidungsfreiheit. Kein Mensch muss sich an Benimmregeln halten. Allerdings hat er mit der Konsequenz zu leben, die ihm aus seinem Verhalten erwächst. Die kann ganz harmlos, aber auch geschäftsschädigend sein. Mein Vorschlag für den richtigen Umgang miteinander: Gestalten Sie Ihre Kommunikation immer einfühlsam und auf der Basis von Wertschätzung.

 Wie meinen Sie das konkret?

Als ein wesentlicher Grundsatz gilt, die persönlichen Grenzen anderer zu achten. Das Schwierige dabei ist, dass ich diese weder sehen noch spüren kann und sie zudem variabel sind. Im engen Freundeskreis oder bei Familienmitgliedern ist es möglich, sie zu bemerken – bei Fremden eher weniger. Wichtig ist, dem Gegenüber mit Aufmerksamkeit, Respekt und Akzeptanz zu begegnen. Dementsprechend wird auch auf mich reagiert.

 Was ist denn für Sie ein absolutes No-go?

Ganz klar: Wenn ein Mensch vor anderen bloßgestellt wird.

Und es gibt wirklich keine Benimmregeln?

Wir können uns auf Folgendes einigen: Immer richtig sind Wertschätzung des anderen, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft. Darüber hinaus wird allerdings situationsgerecht entschieden. Im Gegensatz zu einer mathematischen Gleichung, die weltweit Gültigkeit hat, existieren keine allgemeinen Benimmregeln. Es gibt Umgangsformen, die sich in einem Kulturkreis oder einem Land als besonders beliebt herausgestellt haben, die dort allgemein anerkannt und angewendet werden. Dazu gehört zum Beispiel in Deutschland der Handschlag zur Begrüßung. In anderen Ländern dagegen gibt es andere Begrüßungsformen.

 Ich gehe davon aus, dass Sie auch keine Kleidungsregeln aufstellen?

Richtig. Ich verstehe zwar nicht, warum jemand seine Flugreise in den Urlaub im Trainingsanzug antritt. Trotzdem sollte soviel Toleranz vorhanden sein, dass wir auch diesem Menschen mit Wertschätzung begegnen. Unser Arbeitskreis gibt keine Kleidungsvorschriften heraus – auch das wäre eine Einschränkung der individuellen Freiheit und eine Bevormundung. Natürlich wünschen wir uns, dass zu Premieren, Bällen oder Galas festliche Garderoben getragen werden. Aber zwingen können und wollen wir Niemanden. Davon abgesehen hat Kleidung allerdings auch einen Einfluss auf unsere Stimmung.

Inwiefern?

Nun, wenn ich ins Theater gehe und dabei besonders gut gekleidet bin, dann wird das Besondere des Theaterbesuches fühlbarer. Darüber hinaus geht von Kleidung eine starke Signalwirkung aus. Kleidung vermittelt nun einmal Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Das wirkt sich insbesondere auf manche Berufsgruppen aus. Hier erlauben wir uns auch, Empfehlungen auszusprechen. Für Manager oder Bankkaufleute ist der dunkle Anzug in Kombination mit einem weißen Hemd eine Uniform. Tätige in künstlerischen Berufen dagegen ziehen sich besonders ausgefallen an, um ihre Kreativität zu unterstreichen.

Was hat sich denn in den letzten Jahren im Bereich Umgangsformen geändert?

Sehr viel, und das ist in der Historie begründet. Die sogenannten Benimmregeln, einst also „die Etikette“, galt ursprünglich nur für die privilegierten Adelshöfe. Gentlemen und Ladys bekamen damit Anleitungen für den Umgang miteinander. Die Frauen der höheren Stände arbeiteten nicht. Allein dies macht das alte Benimmsystem schon obsolet. Da die meisten Frauen heute berufstätig sind, hat sich das gesamte Gefüge geändert. Es gibt sehr viel mehr Situationen auf die wir heutzutage situationsgerecht und wertschätzend reagieren müssen.

Frau Wolff, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch.

Hier geht’s zum ersten Teil des Interviews


1 Kommentar
  • Stefanie L. sagt:

    Was ist denn das für ein „internationaler“ Arbeitskreis, der nur Empfehlungen für Deutschland ausspricht? Und wieso sollte man die Grenzen des anderen (was ist damit überhaupt gemeint? die persönliche Distanzzone? oder die Empfindlichkeit in Bezugnahme auf Privates?) nicht spüren können? Und Kreative kleiden also sich besonders ausgefallen – was für ein Klischee.

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