Ein Interview mit Benimm-Expertin Inge Wolff

Inge Wolff ist Vorsitzende des Arbeitskreises Umgangsformen International, studierte Tanz- und Ausdruckstherapeutin und verfasste mehr als 20 Bücher zu den Themen Kommunikation, Verhalten und Umgangsformen. Wir haben Ihr den Lady-Blog vorgestellt und waren sehr gespannt auf Ihre Reaktion. Im Interview setzt sich die Benimm-Expertin mit dem Begriff der „Lady“ auseinander und diskutiert mit uns, was denn eine Lady heute noch ausmacht. von Sybille

Frau Wolff, was verbinden Sie mit dem Begriff der „Lady“?

Bei der Vorbereitung auf unser Interview habe ich mich einmal dazu umgehört. Und ich bekam die unterschiedlichsten Interpretationen. Von positiv über ironisch bis hin zur abwertenden Auslegungen. Also eine Fallhöhe von Lady Di bis zu Lady Gaga. Ich ziehe als Oberbegriff das Wort „Dame“ vor. Denn auch eine moderne Frau kann sich damenhaft benehmen. Kurz gesagt: Eine Lady ist für mich eine moderne Frau mit Stil.

 Ist der Begriff Lady für Sie zeitgemäß bzw. zeitlos?

Er ist dann zeitlos, wenn er jeweils zeitgemäß interpretiert wird und sich nicht an alten Vorstellungen orientiert. Der moderne Lady-Begriff unterscheidet sich m.E. sehr von der ehemaligen Interpretation, die sich ausschließlich auf den privaten Bereich bezog. Dort wurde eine Lady damals stets vom Gentleman hofiert. Das ist im heutigen Leben, insbesondere im Berufsalltag, einfach nicht mehr immer möglich. Daher stehen im Berufsleben auch nicht mehr die überlieferten sogenannten Benimmregeln im Mittelpunkt. So war es früher zum Beispiel üblich – oder besser gesagt Gentlemenpflicht –, dass alle Herren aufstanden, sobald eine Dame in den Raum kam.

Heute ist das einfach nicht mehr zeitgemäß?

Wenn Sie sich kurz vorstellen, welche Auswirkungen es auf berufliche Situationen hätte, wenn in einem Meeting oder einer Geschäftsbesprechung mit externen Gästen diese alte Regel zu beherzigen wäre, erübrigt sich jede weitere Erklärung dazu. Und selbst im Privaten, etwa bei einem festlichen Essen, reicht es heutzutage völlig aus, wenn der Tischherr sich erhebt, falls seine Dame sich entfernen möchte beziehungsweise zurückkommt, statt dass alle Herren aufspringen, wie es früher üblich war.

Was heißt denn zeitgemäß konkret?

Es geht unter anderem um die Gleichberechtigung. Diese hat auch Auswirkungen auf die Umgangsformen. Im beruflichen Umgang miteinander wird nicht mehr zwischen Dame und Herr oder der jüngeren und älteren Generation unterschieden. Hier kommt es auf die Hierarchie an. Wenn ein 30-jähriger Mann der Chef eines Unternehmens ist, wird heute er als erster begrüßt – auch wenn z.B. der 60-jährige Prokurist oder eine Mitarbeiterin neben ihm steht – , denn er befindet sich in der Hierarchie ganz oben. Früher dagegen wurden stets zuerst die Damen oder die Älteren begrüßt. Das gilt heute nur noch im privaten Bereich.

Wie verhält sich also eine moderne Lady?

Eine Lady weiß um die moderne Situation und klagt im Beruf ihr Ladyrecht nicht ein. Sie erwartet zum Beispiel nicht, dass der Herr ihr automatisch hilft, vielmehr übernimmt auch sie – je nach Situation – einen helfenden Part. Es ist eben auch zeitgemäß, sich von den alten Denkmustern und den sogenannten Benimmregeln zu lösen. Ich plädiere für die Anwendung des – wie ich es gerne nenne – Von-Mensch-zu-Mensch-Prinzips. Dazu nur ein Beispiel: Wenn ich als 66-jährige gesunde Frau auf einem Bahnsteig stehe und neben mir befindet sich ein jüngerer Mann mit Gehhilfen, der eindeutig bewegungseingeschränkt ist, dann ist ganz klar, dass ich ihm seine Sporttasche in den Zug stelle. Denn in diesem Moment bin ich die Stärkere.

Frau Wolff, gibt es überhaupt noch Benimmregeln?

Unser Arbeitskreis für Umgangsformen gibt keine Regeln heraus, nur Empfehlungen. Und diese gelten, obwohl wir ein internationaler Arbeitskreis sind, auch nur für Deutschland. Viele tun so, als hätten sie das Recht, anderen Menschen Regeln aufzustellen. Doch wer erwachsene Menschen so diktatorisch behandelt, wird eher Unmut auslösen, als die angenehme Kommunikation zu fördern.

Muss es denn keine grundsätzlichen Regeln geben für den Umgang miteinander?

Müssen ist für mich ein absolutes Unwort. Denn jedes „müssen“ beraubt mich meiner Entscheidungsfreiheit. Kein Mensch muss sich an Benimmregeln halten. Allerdings hat er mit der Konsequenz zu leben, die ihm aus seinem Verhalten erwächst. Die kann ganz harmlos, aber auch geschäftsschädigend sein. Mein Vorschlag für den richtigen Umgang miteinander: Gestalten Sie Ihre Kommunikation immer einfühlsam und auf der Basis von Wertschätzung.

 Wie meinen Sie das konkret?

Als ein wesentlicher Grundsatz gilt, die persönlichen Grenzen anderer zu achten. Das Schwierige dabei ist, dass ich diese weder sehen noch spüren kann und sie zudem variabel sind. Im engen Freundeskreis oder bei Familienmitgliedern ist es möglich, sie zu bemerken – bei Fremden eher weniger. Wichtig ist, dem Gegenüber mit Aufmerksamkeit, Respekt und Akzeptanz zu begegnen. Dementsprechend wird auch auf mich reagiert.

 Was ist denn für Sie ein absolutes No-go?

Ganz klar: Wenn ein Mensch vor anderen bloßgestellt wird.

Und es gibt wirklich keine Benimmregeln?

Wir können uns auf Folgendes einigen: Immer richtig sind Wertschätzung des anderen, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft. Darüber hinaus wird allerdings situationsgerecht entschieden. Im Gegensatz zu einer mathematischen Gleichung, die weltweit Gültigkeit hat, existieren keine allgemeinen Benimmregeln. Es gibt Umgangsformen, die sich in einem Kulturkreis oder einem Land als besonders beliebt herausgestellt haben, die dort allgemein anerkannt und angewendet werden. Dazu gehört zum Beispiel in Deutschland der Handschlag zur Begrüßung. In anderen Ländern dagegen gibt es andere Begrüßungsformen.

 Ich gehe davon aus, dass Sie auch keine Kleidungsregeln aufstellen?

Richtig. Ich verstehe zwar nicht, warum jemand seine Flugreise in den Urlaub im Trainingsanzug antritt. Trotzdem sollte soviel Toleranz vorhanden sein, dass wir auch diesem Menschen mit Wertschätzung begegnen. Unser Arbeitskreis gibt keine Kleidungsvorschriften heraus – auch das wäre eine Einschränkung der individuellen Freiheit und eine Bevormundung. Natürlich wünschen wir uns, dass zu Premieren, Bällen oder Galas festliche Garderoben getragen werden. Aber zwingen können und wollen wir Niemanden. Davon abgesehen hat Kleidung allerdings auch einen Einfluss auf unsere Stimmung.

Inwiefern?

Nun, wenn ich ins Theater gehe und dabei besonders gut gekleidet bin, dann wird das Besondere des Theaterbesuches fühlbarer. Darüber hinaus geht von Kleidung eine starke Signalwirkung aus. Kleidung vermittelt nun einmal Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Das wirkt sich insbesondere auf manche Berufsgruppen aus. Hier erlauben wir uns auch, Empfehlungen auszusprechen. Für Manager oder Bankkaufleute ist der dunkle Anzug in Kombination mit einem weißen Hemd eine Uniform. Tätige in künstlerischen Berufen dagegen ziehen sich besonders ausgefallen an, um ihre Kreativität zu unterstreichen.

Was hat sich denn in den letzten Jahren im Bereich Umgangsformen geändert?

Sehr viel, und das ist in der Historie begründet. Die sogenannten Benimmregeln, einst also „die Etikette“, galt ursprünglich nur für die privilegierten Adelshöfe. Gentlemen und Ladys bekamen damit Anleitungen für den Umgang miteinander. Die Frauen der höheren Stände arbeiteten nicht. Allein dies macht das alte Benimmsystem schon obsolet. Da die meisten Frauen heute berufstätig sind, hat sich das gesamte Gefüge geändert. Es gibt sehr viel mehr Situationen auf die wir heutzutage situationsgerecht und wertschätzend reagieren müssen.

Frau Wolff, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch.

 


1 Kommentar
  • Jutta-Stina Olafsdottír sagt:

    Inge Wolffs „Von-Mensch-zu-Mensch-Prinzip“ bringt es auf den Punkt: Es sollte weniger um die klassische Lady oder den perfekten Gentleman gehen, sondern vielmehr um gegenseitigen Respekt unter Menschen, und zwar zwischen den Geschlechterrollen. Das heißt, dass ich als Frau auch einem Mann die Tür aufhalte wenn es sich ergibt.

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