Seidenstücker Retrospektive: Alltag im Berlin der 30er

Ich habe eine genaue Vorstellung vom Berlin der 20er und 30er Jahren: Auf den Straßen wandeln glamouröse, schöne Frauen in den Armen gut gekleideter Herren und ein gesellschaftliches Ereignis jagt das nächste. Wie der Berliner Alltag aber tatsächlich aussah, davon könnt Ihr Euch momentan in der Berlinischen Galerie überzeugen. Die umfassende Retrospektive würdigt einen der ersten deutschen Streetstyle-Fotografen: Friedrich Seidenstücker. von Sybille

Atmosphärische Aufnahmen

Seidenstücker gilt als typischer Berliner Fotograf, ist aber weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Seine atmosphärischen Aufnahmen vom Berliner Alltagslebens in der Weimarer Republik, einfühlsame Tierstudien und die Bilder des zerstörten Berlins werden jetzt erstmals in einer umfassenden Retrospektive in der Berlinischen Galerie gezeigt. Friedrich Seidenstücker war ein fotografierender Spaziergänger. Von Frühling bis Herbst war er auf den Straßen Berlins unterwegs. Er verließ nie ohne Kamera seine Wohnung, immer auf der Suche nach unspektakulären, aber zeittypischen Motiven. Zentrale Themen waren der Alltag der Menschen in der Großstadt und ihre Freizeitaktivitäten im Zoo. Als Straßen- und Zoofotograf erlebte er zwischen 1928 und 1937 seine erfolgreichste Zeit.

Komplexe Stadtbeschreibung

Die wichtigsten deutschen Illustrierten veröffentlichten Bilder von ihm. Seidenstückers Beschreibung des Alltäglichen ist bewusst unpathetisch und steht damit im Gegensatz zur Kunst der Avantgarde der 1920er-Jahre. Während sein biologisches Interesse an der Tierwelt dazu führte, dass er seine Fotografie im Zoo mit methodischer Gründlichkeit anging, kann man davon ausgehen, dass seine Straßen- und Landschaftsfotografie eher zufällig und nach dem Lustprinzip entstand. Seidenstücker reagierte spontan auf das, was ihm begegnete und gefiel: schöne Frauen, spielende Kinder, Straßenhändler und Arbeiter, Paare am Wannseestrand. Daneben gibt es aber auch Bilder von Arbeitslosenspeisungen und Bettlern, Streikposten vor der AEG und politischen Kundgebungen. Ihm ging es also durchaus um eine komplexe Stadtbeschreibung.

seidenstueckerBerliner Straßenfotografie von Seidenstücker (Ohne Titel um 1932)

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Berliner Straßenfotografie (Ohne Titel um 1930) und Eröffnung der Ausstellung (Foto: Nina Straßgütl)

Die Ausstellung Friedrich Seidenstücker: Von Nilpferden und anderen Menschen läuft bis zum 8. Februar 2012 in der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstr. 124-128, 10696 Berlin, geöffnet Mittwoch bis Montag 10 bis 18 Uhr.

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