Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.
FTC: Kaschmir mit gutem Gewissen

Kaschmirprodukte sind so beliebt wie nie zuvor – das hat nicht zuletzt unsere Umfrage nach Euren Lieblingsstücken gezeigt. Lange Zeit war die kuschligste aller Wollarten nur bei Luxusherstellern erhältlich, doch inzwischen bieten auch Fast-Fashion-Ketten wie H&M Kaschmirwaren in ihren „Basic“-Abteilungen an. Heißt: Ein bisschen Princeton-, Pilchi- oder Paris-Chic für alle. Ist ja schön und gut, aber: Je höher die Nachfrage, desto knapper der Rohstoff. Kann man sich da noch einen Kaschmirpulli mit gutem Gewissen gönnen? Ja, denn es gibt auch Firmen mit nachhaltigem Kaschmir!

Der Trend zur Casualisation

Der Trend zum Kaschmirpullover, zum Kaschmirschal- und cardigan ist vor allem der „Casualisation“ geschuldet. Das Streben nach mehr Bequemlichkeit und Sportlichkeit nimmt immer mehr Einzug in die Mode – auch in der Berufs- und Gesellschaftsbekleidung. Dort gilt: Wenn lässig, dann aus feinsten Materialien. Das führt allerdings dazu, dass pro Jahr etwa viermal so viele Kaschmirpullover herstellt werden, als eigentlich Rohstoff vorhanden ist. Moment – wie ist das möglich? Leider wird in der Kaschmirbranche sehr viel gemogelt. Schätzungsweise rund 25 Prozent der weltweit gehandelten Kaschmirtextilien sind nicht echt. Sie werden mit anderen Tierhaaren gestreckt, und dann chemisch bearbeitet, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um ein Bekleidungsstück aus 100 Prozent Kaschmir.

FTC Cashmere: Der Trend zur Casualisation

Der Trend zur Casualisation hält auch Einzug in der Berufs- und Gesellschaftsbekleidung/Bild-Credit: FTC Cashmere

Der Klimawandel trifft auch die abgelegenen Regionen

Echtes Kaschmir kommt nur in einigen wenigen Regionen der Welt mit extremen Jahreszeiten vor: Im ehemaligen Fürstenstaates Kaschmir im Himalaja, in den Hochebenen der Mongolei, Afghanistans, Chinas und des Irans leben die Kaschmirziegen. Einmal im Jahr, während des natürlichen Haarwechsels, wird aus ihrer dichten Wolle das kostbare, weiche Unterhaar herausgekämmt. Allerdings trifft der Klimawandel auch diese abgelegenen Regionen. So besteht inzwischen 90 Prozent der Mongolei aus einem Dürregebiet, für die Ziegen gibt es kaum noch genügend Gras zum Leben. Andererseits vergrößern angesichts der steigenden Nachfrage viele Normaden ihre Herden.

Sie ziehen nicht mehr so weit und regelmäßig umher. Die Weiden haben also nicht mehr genügend Zeit, um sich zu erholen, nachdem sie abgegrast wurden. Das fördert die Versteppung noch weiter, zumal die Ziegen das Gras samt Wurzel herausreißen. Ihr solltet deshalb also lieber zweimal hinschauen, bevor Ihr bei einem vermeintlichen „Schnapper“ zuschlagt: Wo wurde das Kaschmirstück produziert? Vor allem in China und in der Mongolei werden die Kaschmirziegen häufig in riesigen Herden gehalten. Das macht es fast unmöglich, den Tieren ausreichend Pflege zukommen zu lassen. Auf das schonende Auskämmen der Flaumhaare wird aus Zeitgründen verzichtet, stattdessen werden die Tiere geschoren – und das häufig noch zu früh oder zu häufig, was zu Krankheiten der Haut führt.

Kaschmirziegen in der Mongolei: Vom Klimawandel betroffen

Für die Kaschmirziegen gibt es kaum noch genügend Gras zum Leben/Bild-Credit: Shutterstock.com

Izzy Lane: Wolle aus Schottland

Viele „grüne“ Onlineshops denken darum um. Hessnatur hat kaum noch reines Kaschmir im Angebot. Stattdessen setzt die Bio-Marke auf Schurwolle mit Kaschmiranteil. Der Onlineshop Grüne Erde verzichtet seit 2017 sogar vollständig auf Kaschmir und bietet stattdessen ökologisch nachhaltigere Alternativen an: Alpakawolle aus Österreich und Deutschland und Yakhaar aus der Mongolei. Übrigens: In Europa gibt es auch eine Region, in der Kaschmirziegen gehalten werden – Schottland! Ein Label, das aus der Wolle schottischer Schafe und Kaschmirziegen hübsche Bekleidung anfertigt, ist Izzy Lane. 2006 erwarb die Designerin Isobel Davies 420 Wenleydale und Shetland Schafe und rettete sie damit vor dem Schlachthaus. Aus der Wolle der Schafe und Kaschmirziegen stellt sie wunderbare, britische Countrymode her.

Izzy Lane: Wolle aus Schottland

Izzy Lane: Produziert wird vor Ort mit traditionellen Web- und Färbetechniken aus dem 18. Jahrhundert – sogar die Perlmuttknöpfe für die Cardigans werden vom letzten echten Hersteller in England geliefert/Bild-Credit: Izzy Lane

FTC: „Fair Trade Cashmere“

Das bekannteste Unternehmen, das auf nachhaltiges Kaschmir setzt, ist jedoch das Schweizer Label „Fair Trade Cashmere“, kurz FTC Cashmere. 2003 gründeten die beiden Kaschmirliebhaber Jutta und Andreas Knezovic ihr Label, da ihnen im hochwertigen Segment junge und modische Akzente fehlten. Doch die Kollektionen sind nicht nur wunderbar detailverliebt und farbenfroh, sondern werden auch auf faire Art und Weise hergestellt. Die Wolle für die Kaschmirpullover, Kaschmirkleidchen, Mützen und Decken bezieht das Unternehmen von seinen hauseigenen Ziegen. Diese werden von FTC-Farmern gehalten, die wiederum nach strengsten Vorgaben kontrolliert werden. FTC arbeitet ausschließlich mit mongolischen Farmern zusammen und unterstützt deren Kinder bei der Schulausbildung.

FTC Cashmere: detailverliebt, farbenfroh und fair produziert

FTC: Wunderbar detailverliebt, farbenfroh und fair produziert – eines meiner Lieblingslabels/Bild-Credit: FTC

edelziege: Sehnsucht nach der Heimat

Ebenfalls aus der Mongolei stammt das Kaschmir von Saruul Fischers 2008 gegründeten Label edelziege. Die Designerin ist selbst eine gebürtige Mongolin. Mit elf Jahren wanderte sie mit ihren Eltern aus, doch der Kontakt zur übrigen Familie riss nie ab – ebenso wenig wie die Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit. Der regelmäßige Kontakt in die Mongolei stellt sicher, dass ihr keine minderwertigen Fasern untergeschoben werden. Die Wolle stammt ausschließlich von frei lebenden Tieren. Auch die Verarbeitung der Wolle erfolgt in der Mongolei: Mehrere kleine mongolische Strickereien erschaffen aus den Fasern der Kaschmirziege klassisch-elegante Kaschmirtextilien. Die gebürtige Mongolin trägt so dazu bei, dass in ihrer Heimat Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden.

edelziege: Sehnsucht nach der Heimat

edelziege: Kaschmir, das in der Mongolei gewonnen und verarbeitet wird/Bild-Credit: edelziege

Muriée: Natürlich gefärbt mit Beeren und Blättern

Seit 2010 bieten die Absolventin der Antwerpener Modeakademie Anne Pastré and der Musiker Mauricio Muriel Javiedes unter dem Namen Muriée eine kleine Kollektion an luxuriösen, zeitlos schönen Strickwaren und Shirts an. Bestaunen konnte ich diese auch schon beim Green Showroom der Berliner Fashion Week 2012. Die Kaschmirfasern haben ihren Ursprung in der Inneren Mongolei, zu Garnen gesponnen werden die Fasern in einer Spinnerei in Italien. Alle verwendeten Materialien entsprechen dem „Global Organic Textile Standard“ (G.O.T.S.), gefärbt wird mit natürlichen Produkten wie Beeren und Blättern, Mohn, Tee und Hartholz. Neben Kaschmir wird auch Babyalpaka und ultraleichter Organic Cotton in einer 100-jährigen deutschen Strickerei zu kleinen Meisterwerken verarbeitet.

Muriée: Natürlich gefärbt mit Beeren und Blättern

Muriée: Neben Kaschmir wird auch Babyalpaka und Biobaumwolle in Deutschland verarbeitet/Bild-Credit: Muriée

Direct Cashmere: Kaschmir ohne Zwischenhändler

Das entscheidende Qualitätsmerkmal für hervorragendes Kaschmir ist – neben der Feinheit – vor allem die Länge des Haares. Auch das Wiener Start-up Direct Cashmere verwendet Kaschmir aus der Mongolei, denn dort findet man mit durchschnittlich 36mm die längsten Kaschmirhaare der Welt. Die Länge entsteht durch die niedrigen Temperaturen, die in der Mongolei bis zu -50 Grad betragen können. Geschäftsführer Matthias Gebauer pflegt eine enge Beziehung zu den Normaden und weiß genau woher sein Kaschmir stammt. Die gesamte Fertigung erfolgt in der Mongolei. Da das Unternehmen auf Marketing, ausgefallenes Design und Zwischenhändler verzichtet, kann es die kleine Kollektion – einen Damen und einen Herrenpullover in drei Farben sowie einen Kaschmirschal – sehr günstig anbieten.

Direct Cashmere: Kaschmir ohne Zwischenhändler

Direct Cashmere verzichtet auf Marketing, ausgefallenes Design und Zwischenhändler/Bild-Credit: Direct Cashmere

Was kostet ein Kaschmirpullover mit gutem Gewissen?

Und weil Ihr schon häufig von uns wissen wolltet, was gutes Kaschmir kosten sollte, eine kleine Rechnung zum Schluss: Für einen Kaschmirpullover wird in der Regel der Flaum von drei bis fünf Ziegen benötigt. Auf dem Weltmarkt kostet ein Kilogramm reines Kaschmir zwischen 50 und 130 Euro. Die Website Edler Zwirn errechnete auf dieser Basis folgende Minimum-Preise für Produkte aus Kaschmir: Für einen Pullover solltet Ihr mindesten 200 Euro bezahlen, ein Kaschmirschal sollte 70 Euro kosten, für eine Mütze aus Kaschmir solltet Ihr mindestens 50 Euro auf den Ladentisch legen und eine Decke aus feinen qualitativ hochwertigen Kaschmirfasern kostet mindestens 300 Euro.

 

Ich hoffe, Euch hat unsere Kaschmirwoche gefallen! Wenn Ihr Euch noch weiter über dieses wundervolle Material informieren möchtet, dann kann ich Euch den Bildband aus dem Callwey-Verlag „Cashmere: Herkunft, Herstellung und Design“ von Andrea Karg, der Gründerin des deutschen Luxus-Kaschmirlabels ALLUDE, wärmstens an’s Herz legen.*

*Durch einen KLICK auf das Bild landet Ihr bei Amazon, es handelt sich um einen Affiliate-Link


3 Kommentare
  • Sybille sagt:

    Liebe Dani,

    die Kaschmirwoche war toll. Vielen Dank insbesondere für diesen Artikel – toll recherchiert und schön geschrieben. Da überlege ich wirklich zweimal, ob ich mir einen Kaschmirpulli zulege oder nicht doch lieber zu Alternativen greife.

    Lieben Gruß
    Sybille

  • Bibi sagt:

    Ein sehr schöner Artikel über Nachhaltigkeit!
    Und – zwecks „Nachhaltigkeit“ und „gutem Gewissen“ : wie wäre es mit second hand?
    Als Kaschmir-Verrückte (trage im Herbst und Winter nichts anderes) habe ich nicht nur Neuware, sondern auch sehr viele Teile gebraucht von zB Rebelle (Designer-Second-Hand). Dort garantieren die Kriterien „neuwertig“ und „sehr gut“ top Ware, die Markenauswahl ist äußerst breit gefächert. Ebenso hat man meist eine schöne Farbauswahl. Und einen 100%igen Kaschmirpullover kann man bereits AB € 50,- dort erwerben. Bei teureren Stücken kann man auch gerne dem Verkäufer einen günstigeren Preis anbieten, welcher – meiner Erfahrung nach – auch so gut wie immer angenommen wird.
    Jedes Teil wird vor Versand von Rebelle einzeln auf die Angaben des Verkäufers geprüft (Marke, Qualität, Größe, Material,..).
    So lassen sich meiner Meinung nach >kleiner Geldbeutelflauschiges Ziegenhaar< trotzdem ganz gut vereinbaren. Denn ich denke: AUCH wenn man aus 2. Hand eine Marke erwirbt, die damals vielleicht nicht nachhaltig produziert wurde aber sonst die Qualitätskriterien passen… ist es nicht auch nachhaltig diesem Teil – welches ja nun ohnehin schon im Umlauf ist – noch eine 2. Chance zu geben? Meine „2.-Chance-Pullis“ werden von mir zumindest heiß und innig geliebt!
    LG, Bibi

  • Katrin sagt:

    Liebe Dani,

    auch von mir ganz vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel zu einem Thema, das mich diesen Winter beschäftigt hat – ich hatte dazu ja am Anfang der Kaschmirwoche auch eine Frage gestellt. Meine Fragen wurden damit wunderbar beantwortet, nun fühle ich mich endlich gut informiert und weiß, von welchen Labels ich Kaschmir wieder kaufen kann. Bisher hatte ich es, seit ich von dem Problem der Versteppung gehört habe, schweren Herzens ganz gelassen. Vielen Dank! Katrin

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