Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.

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Vor kurzem habe ich ein paar Spätsommertage an der Ostsee verbracht und habe mir für den Strand eine, wie ich zunächst dachte, nahezu ideale Lektüre mitgenommen: Jochen Missfeldts „Du graue Stadt am Meer – Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“. So ganz haben die teils düsteren Naturbeschreibungen – der Titel impliziert es ja schon – dann aber doch nicht in den herrlichen Sonnenschein gepasst und der Funke ist nicht richtig übergesprungen. Desto mehr freue ich mich jetzt auf gemütliche Stunden mit Storm im Herbst, seine Erzählungen über das gewaltig-brausende Meer und jede Menge dampfende Tassen heißen Tees.

Wer ein sehr großer Storm-Fan ist, faktentreue Schilderungen bis ins kleinste Detail schätzt und großen Wert auf ausführliche Naturbeschreibungen legt, der ist bei Jochen Missfeldts Wälzer genau richtig. Alle anderen müssen sich vermutlich, so wie ich, etwas durch das Buch kämpfen. Aber das kann sich durchaus lohnen, denn der gebürtige Schleswig-Holsteiner Missfeldt bringt die eine oder andere spannende Erkenntnis über Storm und seine Zeitgenossen zu Tage. Und für alle Fans der Nordsee, der Gezeiten und Westküsten-Städte wie Husum ist die Storm-Biografie sowieso ein Muss. An der Westküste Schleswig Holsteins gab es schon vor Storms Lebzeit keine Leibeigenschaft – anders als im Osten des Landes. In der verkehrsungünstigen Marsch konnten die Bauern ihre Eigenständigkeit besser behaupten, mit dem Spruch „Lewer duad üs Slaav“ brachten sie diesen Selbstbehauptungswillen auf den Punkt.

Hinzu kommt das sehr pragmatisch-tolerante Denken der regierenden Fürsten, das zu einem florierenden Handel und Wohlstand führte – eine dringende Voraussetzung für die Entfaltung von Kunst und Kultur. So ist es kein Wunder, dass die Westküste im 19. Jahrhundert neben Storm noch einige andere große Künstlerpersönlichkeiten hervorgebracht hat, den Dichter Friedrich Hebbel zum Beispiel, den Historiker Theodor Mommsen und den Begründer der Soziologie Ferdinand Tönies. Im Laufe von Storms Leben sollte sich die Lage verändern, seinen Charakter änderte sie jedoch nicht. Er war als Sturkopf bekannt, „geprägt von strengem, unnachgiebig-rechthaberischen Denken, von eisernem Unabhängigkeitswillen und ichbezogenem Freiheitsempfinden“ und mit einer tiefen Abneigung gegenüber den Preußen.

Zu Ende ging diese alte Zeit mit den neuen nationalen Ideen des 19. Jahrhunderts, mit den Kriegen, Niederlagen und Siegen, die um 1850 auf dem Fuße folgten, mit Besatzung und Unterdrückung. Diese Zeit hat Storm für sein ganzes Leben geprägt, sie hat ihm das Exil aufgezwungen
und die Heimatliebe wachgehalten.

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Jochen Missfeldts „Du graue Stadt am Meer – Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“ ist im Hanser-Verlag erschienen. Hier geht’s zur Bestellung.


1 Kommentar
  • Maike sagt:

    Das Cover ist ein richtig typisches Storm-Cover, gefällt mir wirklich gut! Ich kann es mir auch wirklich gut als Herbstlektüre vorstellen. Auch wenn der Strand eindeutig der bessere Leseplatz ist!! Mal schauen, ob ich es diesen Herbst noch schaffe, es zu lesen. Auf die Wunschliste wandert es auf jeden Fall.

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