Lady-Frage

Liebes Lady-Blog-Team,
wie im ersten Teil meiner Frage schon beschrieben, bin ich seit Geburt blind, versuche mich aber trotzdem ladylike zu verhalten und zu kleiden. Doch manchmal frage ich mich: Wo liegt der Vorteil eine Lady zu sein? Man fühlt sich schön, wohl und bequem. Klar. Aber, wo noch? Wo ist der Nutzen für den Aufwand? Ändern sich die Kreise, in denen man sich bewegt? Wie sehr wird man als Behinderte in diesen Kreisen als gleichwertig akzeptiert? Was denkt Ihr, wenn Ihr jemanden mit einer Behinderung seht?

Erkennt Ihr den normalen Menschen, der über gleiches Wissen und gleiche Bildung verfügt, oder seht Ihr nur „das arme Hascherl“? Ich habe das Gefühl, zwischen dem, wie ich mich fühle und dem, was ich nach außen ausstrahle, vor allem wegen der unladyliken Kleidung, könnte eine Diskrepanz entstehen. Ich bin sehr gespannt auf Eure ehrliche Stellungnahme. Mit unehrlichem Schulterklopfwischiwaschi kann ich nichts anfangen. Davon bekomme ich genug.

Vielen Dank für Eure Mühe,
Sandra

Liebe Sandra,

Lady-sein, das ist – wie Du schriebst – ein Sache der inneren Haltung. Die äußeren Merkmale sind nur Zeichen dieser Einstellung. Eine Lady umgibt sich mit netten, höflichen und interessanten Menschen. Ob diese schön, reich oder „gesund“ sind, ist völlig irrelevant. Sie sollte es hier mit Marc Twain halten:

Freundlichkeit ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können.

Einen Einblick in das Leben mit Behinderung bekam ich vor einiger Zeit dank eines im Rollstuhl sitzenden Kommilitonen. Er machte uns klar, dass er, nur weil er körperlich eingeschränkt ist, nicht ungefragt geschoben werden möchte, nicht mag, wenn sich andere lautstark über einen Mangel an Barrierefreiheit aufregen (nur weil er dabei ist?) und auch nicht möchte, dass ihn jemand den ganzen Unialltag über begleitet. Denn er ist ein Kommilitone wie jeder andere auch. Beschweren darf man sich aber natürlich, wenn sein Handout schlecht ist. Schließlich macht nicht nur die Behinderung den Menschen aus.

Trotzdem werden, um ganz ehrlich zu sein, in vielen Kreisen Menschen mit Behinderung kein bisschen normal und gleichwertig behandelt. Ich hoffe eigentlich immer, dass es Unsicherheit ist, die die Menschen verstummen lässt und nicht Ablehnung. Ich persönlich kann weder etwas mit Menschen anfangen, die alles ablehnen, was nicht ihrem – für sie perfekten – Weltbild entspricht, noch mag ich diejenigen, die sich bewusst mit Minderheiten umgeben, um so besonders tolerant zu wirken. Mir hilft es immer, wenn Menschen mit Behinderung diese auch klar kommunizieren. Nicht unbedingt im Stil von Benjamin Lebert („Hallo, ich bin der Benni und ich bin ein Krüppel“), aber ein Anfang ist es.

Alles Liebe
Constanze, die auch erst Mitleid hatte, Wischiwaschischulterklopfkram schreiben wollte und sich dann gedacht hat „bringt ihr ja auch nix“.

Bild-Credit: Shutterstock.com

9 Kommentare
  • Maja sagt:

    Liebe Sandra,
    ich habe schwer überlegt was und ob ich etwas schreiben soll. Meine Mama meinte am Wochenende zu mir warum ich überhaupt einen Kommentar im Internet hinterlasse. Gemeint hat sie warum ich da meinen Senf dazugeben muss.

    Also zurück zum Thema: Ich kenne persönlich keine behinderte Person. Mir fällt aber immer wieder auf das sie rücksichtslos und unverschämt sind. Von Rollstuhlfahrern wird man in die Hacken gefahren, von Blinden geschubst und bedrängelt ala Platz da hier komme ich. Ich habe immer wieder das Gefühl diese Personen lassen ihren Frust an Anderen aus. Ich kenne den Hintergrund nicht, aber muss das sein? Nein.
    Also zur weitern Frage des Umgangs. Ich wüsste nicht wie ich mit einem Blinden umgehen soll. Fängt ja schon mit Hand geben an. Also Unsicherheit meinerseits. Aber warum soll der Mensch nicht normal sein im Kopf? Unterhalten kann man sich doch. Ich gehe nicht davon aus, dass er/sie zurückgeblieben ist. Solche Zeiten sind doch vorbei. Eine Freundin meiner Oma ist Analphabetin und eine sehr chic gekleidete alte Dame. Also nicht vom Äußeren täuschen lassen.

    Dann hast Du nach den Kreisen in denen man sich bewegt gefragt. Ich würde erst mal überlegen was Du mit der Freizeit anfangen möchtest die Du hast. Mein Chef ist im Lions Club mit lauter Dr. und so. In diesem Kreis ist natürlich eine gewisse Gesellschaftsschicht vertreten. Fühlst Du dich da überhaupt wohl in diesen vornehmen angestrebten Kreisen? Der äußere Schein kann auch trügen. Oder ist die Kirchengemeinde oder das Theater deines?

    Wo ist der Nutzen für den Aufwand? Eine interessante Frage. Ich finde eine Lady wie aus Adelshäusern oder Fernsehschmonzetten muss man nicht sein und das soll der Blog hier auch nicht ausdrücken. Finde deinen für Dich guten akzeptablen Weg. Schmeiß die Diddeltasse weg und kaufe Dir eine schöne Tasse die sich gut am Mund anfühlt. Trinke daraus deinen Tee oder Kaffee und genieße. Du bist es Wert! dass Du dir schöne Sachen gönnst. Das ist für mich Lady sein und nicht wie komme ich in eine andere Gesellschaftsschicht in die ich vielleicht doch eigentlich nicht will.

    Als für mich gutes Beispiel einer wirklichen Lady ist Muffy. Ich verfolge seit einiger Zeit ihren Blog http://www.muffyaldrich.com. Sie gehört zur Preppy Schicht in USA. Immer Chic aber funktional gekleidet. Qualitätsprodukte Made in USA bevorzugt. Ganz anders als die Tussis hier die mit Designertasche am Arm und Sonnenbrille im Haar so tun als ob sie was sind. Sie macht das alles ganz unangestrengt und so versuche ich das auch zu machen. Hab Spaß am Lady sein :)

    Liebe Grüße
    Maja

  • Jeany sagt:

    Liebe Sandra,

    beim Lesen dieses Beitrags hat sich mir zunächst einmal wie Maja die Frage gestellt, in welchen Kreisen du dich normalerweise bewegst und ob und weshalb du den Wunsch verspürst, in sogenannte „höhere“ Kreise aufzusteigen.

    Sicherlich kann man in der Hinsicht nichts pauschalisieren, intolerante Menschen gibt es in jeder Gesellschaftsschicht. Meiner Meinung nach sind die meisten jedoch nicht einmal intolerant, sondern ungewahr – Behinderungen spielen in unserem Bewusstsein oft nur eine Nebenrolle. Selbst in der Medizin, in der ich tätig bin, sind viele Ärzte auf die Behandlung der Symptome fixiert, ohne den Menschen als Ganzen zu betrachten. Ich führe dies auf einen allgemeinen Mangel an Empathie zurück, der auf mangelndem Bewusstsein fußt. Würden wir uns alle einmal vorstellen, ein Handicap zu haben, uns ernsthaft damit beschäftigen, so würden sich viele Fragen von allein beantworten. Dann fällt es leichter, herauszufinden, wie man mit anderen Menschen umgehen soll, weil man darüber nachdenkt, wie man selbst behandelt werden möchte. Aufmerksamkeit ist also das A und O.

    Es gab diesen sehr populären Filmen, der in letzter Zeit die Kinosäle füllte: Ziemlich beste Freunde, der zwar dramaturgisch überzogen war, aber im Wesentlichen doch ein Denkanstoß sein konnte. An eine Szene erinnere ich mich noch gut: „Das ist genau das, was ich will: Kein Mitleid“. Man kann sich sicherlich nicht davor schützen, jeder Mensch mit Gefühlen sollte in gewissen Situationen Mitleid empfinden. Die Krux ist nur, dieses nicht zu sehr heraushängen zu lassen. Denn zeigt man offen extremes Mitleid, stellt man sich automatisch über die bemitleidete Person, und das kann nur kränkend sein.

    Nichtsdestotrotz gibt es eine schöne Geschichte, in der ein Schüler sich von allen unterschätzt fühlt, bzw. nicht wertgeschätzt. Sein Meister schickt ihn jedoch erst einmal mit einer Aufgabe auf den Markt, nämlich einen Goldring zu verkaufen, jedoch nicht unter einem Goldstück. Auf dem Markt wird der Schüler verspottet, niemand würde so viel Geld für einen Ring ausgeben, höchstens ein paar Silbermünzen.
    Also kehrt der Schüler niedergeschlagen zu seinem Meister zurück. Dieser bittet ihn dann, mit dem Ring zum Goldschmied zu gehen, den Ring jedoch unter keinen Umständen zu verkaufen.
    Der Goldschmied schaut sich den Ring an und bietet dem Schüler eintausend Goldstücke.
    Als der Schüler verwirrt zurückkommt, erklärt der Meister also: Den wahren Wert eines Rings oder aller Dinge und Lebewesen kann nur ein Kenner wirklich ermitteln. Daher sollte man sich nicht so viele Gedanken um die vorschnellen Urteile anderer Menschen machen.
    Was ich damit sagen möchte ist folgendes: Sicher gibt es Menschen, die dich für ungebildet und unladylike halten könnten. Aber solange du selbst deinen Wert kennst und es Menschen gibt, die dich schätzen und nicht vorschnell abstempeln, solltest du dich nicht um die Meinung jener scheren.

    Zum Abschluss: Bei Arte kann man sich diese Woche ein bereicherndes Video anschauen, in dem es um diese Frage geht („Wie gehen wir heute mit Behinderung um?“). Es ist allerdings auf Französisch mit Untertiteln.

    Liebste Grüße!

  • Hanseatin sagt:

    Liebe Sandra,

    ich habe mir auch sofort die Frage gestellt, in welchen Kreisen du dich normalerweise bewegst und wo du nun gerne mal „reinschnuppern“ möchtest? Vielleicht magst du uns das ja noch einmal erläutern…

    Auf Fachtagungen treffe ich immer wieder auf einen blinden, sehr selbstbewussten Juristen und dieser wird als völlig gleichwertig akzeptiert. Er hat permanent Wortbeiträge und in den Pausen diskutiert er lebhaft mit anderen Teilnehmern. Seine Behinderung war wirklich noch nie ein Thema für uns.

    Vielleicht wäre ja ein Weg für dich, um erst einmal mehr Selbstvertrauen ( & Selbstbewusstsein) zu bekommen, ein Coaching zu absolvieren. Ich meine damit nicht irgendein Seminar bei einer „Selbstfindungs-Esoterik-Tante“, sondern bei einem professionellen Business Coach. Die geben nämlich nicht nur Tipps für den souveränen Auftritt, sondern sind meistens auch kompetent in Kleidungsfragen – für den stilvollen & sicheren Auftritt. Ein blinder Coachie wäre für die bestimmt eine tolle Herausforderung, die bestimmt gerne angenommen wird. ;-)

    Lieben Gruß aus dem Norden!

  • Dani sagt:

    Unverschämte Behinderte habe ich ehrlich gesagt noch nicht erlebt, vielleicht bist Du da an „schwarze Schafe“ geraten Maja? Die gibt’s ja überall. Genauso wenig kann man sagen, dass alle alten Menschen unfreundlich und unzufrieden sind. Und wenn mich jemand über den Haufen läuft der blind ist, so nehme ich ihm das natürlich nicht übel. :-)

    Die Geschichte von Dir, Jeany, finde ich ganz toll. Man sollte sich wirklich nicht zu viel den Kopf darüber zerbrechen, was andere von Einem halten, solange es Menschen gibt, die die Arbeit die man tut und der Mensch der man ist, wertschätzen. Auch den Tipp mit dem Coaching finde ich super, Hanseatin!

  • Hanseatin sagt:

    Die Zeitschrift „Emotion“ (auch über deren Website – http://www.emotion.de) vermittelt Coaches. Über deren Qualität kann ich leider nichts sagen, aber ein Versuch wäre es wert, sich direkt an die Zeitschrift zu wenden.

    Eine Freundin hat mich vor einigen Wochen zu einem Vortrag, organisiert von der Zeitschrift Emotion, in HH „mitgeschleppt“ .

    Vortrag : „Ausstrahlung. Wie Sie mit Ausdruck Eindruck machen“ von Regina Först (Speaker & Coach – http://www.people-foerst.de).

    Dieser Vortrag für kleines Geld (40 Euro!) findet noch in anderen Städten statt – ich kann es jeder Lady nur ans Herz legen … und man muss keine Abonnentin sein. ;-)

  • Maja sagt:

    Liebe Sandra, liebe Dani,

    ich muss das genauer erklären was ich meine. Ich fahre täglich mit dem Zug von Gießen nach Frankfurt zum Arbeiten. Ich habe da erlebt das die Rollstuhlfahrer einem über die Füße fahren um zur Zugtür in den Wagen zu kommen. Aber alle Anderen warten dass die Menschen erst mal ausgestiegen sind. Oder der Blindenstock auf dem Gleis schlägt gern von links nach rechts und zurück. Am Schienenbein kann das ganz schön weh tun. Sicher sind das die schwarzen Schafe aber wir sollten das ja nicht schön reden sondern Klartext. Ich bin Menschen mit Behinderungen auch nicht negativ gegenüber eingestellt, sondern das sind meine Beobachtungen auf dem Arbeitsweg.

    Mir ist aber auch eben noch eingefallen was wir letztens mit meinem Patenkind erlebt haben. Wir standen vor dem Zug und sind fast nicht mehr mit dem Kinderwagen reingekommen weil kein Platz (gemacht wurde). Ich glaube wenn man jemand mit einem Handycap kennt hat man selber ein anderes Verständnis für die Situation. Ich denke auch das ich mich selber in Situationen für den Anderen nicht gut verhalten habe, aber ich weiß es nicht besser zu diesem Zeitpunkt. Wie Jeany sagt Aufmerksamkeit ist das A und O. Man kann aber an sich arbeiten! Und Deine Frage regt zum Nachdenken an.

    Die Idee mit dem Coaching finde ich auch gut. In unserer Firma kann man an Mentorenprogrammen teilnehmen. Vielleicht gibt es so etwas bei Dir auch? Ich glaube auch das Du eine interessante Kandidatin wärst weil der Mentor auch viel von Dir lernen könnte.

    Liebe Grüße

  • Hanseatin sagt:

    Noch mal zum Thema Coaching: Coaching ist ein kostspieliger Spaß und wenn es nicht gerade der Arbeitgeber bezahlt, können es sich viele gar nicht leisten. Darum auch mein Hinweis auf die „Emotion“- Vortragsreihe für kleines Geld zum Reinschnuppern.

    Es gibt aber auch Coaches, die ein Coaching „pro bono“ an bieten. Das sind meistens die etablierten Coaches, die „der Gesellschaft“ wieder etwas zurückgeben wollen.

  • Sandra sagt:

    Hi an Euch alle,

    zunächst danke für den Tipp mit den Emotion-Vorträgen, werde mich drum kümmern. Das mit dem Pendeln mit dem Blindenstock ist normal, da man als Blinde/r den Schritt vor sich beim Laufen absichern muss. Also, nach links vor sich pendeln, den rechten Fuß vor und beim nächsten Schritt umgekehrt. Allerdings sollte der Stock möglichst am Boden bleiben, deshalb habe ich auch einen Rollstock. Nur die ganz fitten – ich auch – können sich erlauben, den Stock an der Bahnsteigkante einzuhaken und loszulaufen, da man dann ja weiß, wo die Kante ist und zumindest nicht runter fallen kann. Hängt man den Stock allerdings ein und läuft einfach so weiter, kann man über Koffer oder kleine Kinder fallen. Man muss aufpassen. Ich empfehle mal das Laufen unter einer Blindenbrille, die einem die Sicht komplett nimmt, natürlich mit einer Person, die sich damit auskennt und sieht. Heute zumindest bin ich beim Shoppen nur einmal mit jemandem zusammengestoßen und habe mich sofort entschuldigt. Hoffe, den Schienbeinen geht es wieder gut, das ist nicht ironisch gemeint, sondern ehrlich.

    Die Kreise, die mich interessiert hätten, auch nur zum Reinschnuppern, wären wirklich Adel oder Gutverdienser gewesen. Allerdings könnte es wirklich sein, dass ich mich langweilen würde. Da mein Interessensschwerpunkt eher im künstlerischen und politischen Bereich liegt. Ein ganzer Abend nur mit Markenklamottenthemen würde mich anöden. Das ist zwar als Hilfsmittel recht nett, aber nicht als Dauerthema. Ich selbst bin aus der Mittel- bzw. oberen Mittelschicht. Lionsclubmenschen kenne ich zwar auch, aber nicht soo viele. Einige sind nett, andere nicht. Evtl. müsste ich mir auch nicht so viel Gedanken machen…

    Vielen herzlichen Dank und liebe Grüße, Sandra, von einem normalen und nicht mit Sprachausgabe bestückten PC aus. Nein, gibt auch keine Blindenschrifttzeile…

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