Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.
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Der Stil meiner Stadt: Warburg – Stadt der Kleinbürger

Nach Frankfurt am Main wird es heute provinziell: Kate lebt seit einigen Jahren in Warburg, einem mittelalterlichen Kleinod zwischen Kassel und Paderborn, mit eigener Autobahnzufahrt. Das traditionsreiche Fachwerk-Städtchen wurde vor fast 1000 Jahren in die hügelige Landschaft gezimmert. Doch wie kleidet sich der gemeine Warburger?

Liebe Kate, wie würdest Du den Stil von Warburg beschreiben?

„Auffallend unauffällig“ – das war das Erste, was mir als Zugezogene aus dem östlichen Münsterland in den Sinn kam. Bei einer solchen historischen Hansestadt hatte ich, verwöhnt von den heimatlichen Gefilden rund um Warendorf, ebensolche illustren Mitbürger erwartet, mit oder ohne Pferd. Aber hier in Warburg tummelt sich der Kleinbürger in den Straßen, möglichst -ja, unauffällig! Was sich anhört wie eine Stadt voller Spione, ist in Wirklichkeit nur das Bedürfnis, nicht aus der Masse herauszustechen! Letztlich ist Warburg nicht viel anders als andere Provinzstädte.

Was sind die prägenden Einflüsse auf den Kleidungsstil von Warburg?

In Warburg gibt es viel Industrie und Gewerbe, damit auch viel Schichtarbeit. Zudem ist die Stadt hügelig. Die wenigsten Warburger radeln durch die Stadt, obwohl sie eigentlich gut radelbar ist (und das sage ich als Münsterländer mit meiner holländischen Leeze), auch wenn man an irgendeiner Stelle immer wieder den Berg hinauf muss. Man läuft oder fährt mit dem Auto, egal wohin und wie weit. Dadurch überwiegt offenbar der Drang, sich praktisch zu kleiden.

Was ist die liebste Alltagskluft des Warburgers?

Hauptsache bequem und praktisch! Dazu zählen zweifellos Leggins in JEDER Größe, die stets salonunfähige Jogginghose, wahlweise die Skinny Jeans; die kleinen zarten Stoffschühchen unterhalb des nackten Knöchels bieten Schutz gegen den direkten Kontakt mit dem Asphalt. Ein Eskimo-Gedächtnis-Parka in schwarz, maximal in olivgrün, mit riesigem Kunstpelzbesatz an der stets gern getragenen Kapuze schützt die gemeine Warburgerin vor der eisigen Kälte, die hier nahezu schon blizzardartig durch die Gassen pfeift. Gerade die jungen Mädchen sind sich einig, was ihr Aussehen anbelangt. Was dem blanken Knöchel fehlt, macht der gesichtsverschlingende Schal wieder wett.

Unter den Parkas tauchen Hoodies auf, oder grob gestrickte Pullover, die in die hüfthohe Hose gestopft werden; ein Zeichen, dass sich zumindest in den Teenagertruppen ein wenig mit der Bravo-Mode befasst wird, oder wie auch immer die Stilfortbildung heutzutage heißt. Wenn Lea-Marie von hinten und von vorne nicht von Lea-Sophie zu unterscheiden ist, suche man am Rande des Verborgenen nach der heutzutage scheinbar haushaltsüblichen und dennoch im Alter nicht minder schrumpelig-werdenden Tätowierung, in Form eines Sternchens oder Einhorns (später Esel), eben zur Unterstreichung der eigenen Individualität. Ist ja auch einfacher als ein eigener Kleidungsstil…

Und wie schaut’s mit den der Schulzeit entwachsenen Mitbürgern aus?

Auch hier dominiert die Praktikabilität vor der Ästhetik. Klassische Mode findet sich im Stadtbild eher wenig, dafür dominieren hier zuvor genannte Beinkleider, lässige Cardigans, Hoodies und Naketanos (Ihr wisst schon, die Schalkragenpullis), möglichst gedeckt coloriert. Dazu als Schuhwerk sportlich-anmutende Sneakers in allen Farben, da geht der Warburger plötzlich aus sich heraus! Die wenigen Farbtupfer entspringen meistens den Funktionsjacken, die, neben den Parkas in den kühlen Jahreszeiten, aus dem historischen Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind.

Der Stil von Warburg

Wunderbar beschaulich und echt unauffällig: Das mittelalterliche Hansestädtchen Warburg

Was trägt man denn, wenn man „chic“ ausgeht?

Hauptsache schlicht, schwarzgrau-gedeckt, mit farblich akzentuierter Funktionskleidung (Ich wollte erst „Spaß!“ dazu schreiben, aber wenn ich genauer darüber nachdenke…). Die mutigeren Damen tragen schwarz-graue Leoprintshirts oder Shirts mit Botschaft und glitzernden Applikationen. Darüber für den festlichen Aspekt einen Jersey-Blazer.

Gibt es eine kleidertechnische Besonderheit in Warburg?

Die einzige Besonderheit hier ist der „leichte Bieranzug“ zum Schützenfest!

Inwiefern hat die Mentalität Einfluss auf die Kleidung?

Der Süd-Ostwestfale ist eher zurückhaltend. Die allgemeine Zurückhaltung zeigt sich deutlich in der unauffälligen Menschenmasse, die sich ziemlich einheitlich durch das Städtchen schiebt. Selten geht er aus sich heraus. Mit Ausnahme der traditionsreichen Oktoberwoche, ein großes heiteres Volksfest rund um die Warburger Wirtschaft. Denn bei dieser Veranstaltung werden seit nunmehr einigen Jahren die schillerndsten Dirndl und Trachten ausgepackt. Und dass, obwohl dieses Volksfest mit dem Münchner Vorbild nur das Wort „Oktober“ teilt. Inzwischen ist die „Bayerisierung“ auf dieser Seite des Weißwurstäquators zumindest im Ansatz aber durchaus gewollt.

Spielt die Einkommensquelle eine Rolle?

Bei gutsituierten Warburgern sind Individualisten eher verbreitet – auch mal mit Kragen hoch und Mut zur Farbe.

Gibt es eine Beziehung zwischen Milieu und Kleidungsstil?

Auch in Warburg gibt es Gesellschaftsschichten, die sich kleidungstechnisch voneinander unterscheiden. So tauchen durchaus gelegentlich Tweed, Janker und Bluse im Straßenbild auf. Und auch ebenso gelegentlich läuft jemand im Preppy Style an der Diemel entlang, doch leider fallen gerade die wirklich gut gekleideten Menschen zu selten auf.

Mit Hut auf die Straße, geht das?

Ja durchaus! Mut zum Hut wird in Warburg gezeigt. Was dem einen der Panama, Strohhut oder Fedora zu allen Jahrezeiten, ist dem anderen der modische Schlapphut im Sommer. Besonders der Wunsch nach Sonnenschutz und der „Auf-Flottung“ des sommerlichen Outfits lässt die kurzkrempigen Frank-Sinatra-Gedächtnis-Hüte leger nach hinten gerückt vermehrt auftauchen. Der festliche Kopfputz wird hier jedoch von nur ganz wenigen getragen.

Welchen Einfluss hat die Art der Mobilität auf die Kleidung?

Wie bereits oben erwähnt, ist der Warburger viel zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs. In den warmen Monaten finden sich zunehmend Radfahrer, also E-Bike-Treter, in den hügeligen Landstrichen rund um das städtische Kleinod. Daher kann ich die Praktikabilität der Oberbekleidung nur nochmals betonen. Warburg ist eben eine typische deutsche Kleinstadt, die, anders als meine Heimatstadt Warendorf, nicht von einem prägnanten Faktor wie der Reiterei „gekleidet“ wird. Im Grunde könnte es auch eine ganz andere Stadt irgendwo in Deutschland sein. Nichtsdestotrotz ist Warburg sehr liebenswert und seine Einwohner, der typische SÜD-Ostwestfale, bodenständig und einfach herzensgut!

Liebe Kate, herzlichen Dank für diese Einblicke in Deine Stadt!

Der Modestil von Warburg

Farbenfroh, klassisch und very british – Kate nennt Ihren Stil selbst „Landpomeranzenchic“

Shoppt Kates Warburg-Stil*

*diese Collage enthält Affiliate-Links, das heißt, wir werden am Umsatz beteiligt
Bild-Credits: Kate/bis auf Titelbild: Shutterstock.com

DER STIL MEINER STADT


4 Kommentare
  • Gaby sagt:

    Liebe Kate,

    ich habe mich sehr bei deinen Beschreibungen amüsiert!
    Und Gott gedankt, dass ich als geborene (und aufgewachsene) und inzwischen im Oberland lebende Münchnerin weniger
    mit solchen Scheußlichkeiten konfrontiert werde ;-)
    Leo geht gar nicht!

    Hoffentlich trotzdem eine schöne Zeit in Warburg :-)

    Liebe Grüße

    Gaby

  • Katja sagt:

    Liebe Kate,
    ich habe Tränen gelacht und den einen oder anderen Warburger in Deiner Beschreibung wiedererkannt. Das war eine wunderbare Einstimmung auf den nächsten Besuch in der alten Heimat.
    Herzliche Grüße von Katja
    Ps.: Die Verlinkungen unten sind mehr Kate und weniger Warburg, oder?

  • Sybille sagt:

    Liebe Kate,

    auch der Ostwestfale/die Ostwestfälin in Gütersloh tendiert zur Unauffälligkeit und dem Mitlaufen in der Masse, was sich leider auch in einem gehäuften Auftreten von . Funktionsbekleidung im Stadtbild widerspiegelt (aber das ist leider ein Phänomen in vielen deutschen Städten). Bei Veranstaltungen der hier ansässigen Großunternehmen schmeißen sich die Damen und Herren dann aber schon mal in Schale und man sieht hochwertige und z.T. recht geschmackvolle Kleidung. Ein Rätsel sind mir weiterhin die sogenannten Throngesellschaften bei Schützenfesten, bei denen die Damen sich häufig in fürchterlichen langen Kleidern zeigen. Aber, das möchte ich unterstreichen, auch der Ostwestfale ist bodenständig und herzensgut. Und Kleidung ist einfach nur Oberfläche ;-)

  • Marie W. sagt:

    Liebe Kate,
    das ist eine sehr anschauliche und amüsante Beschreibung der modischen Extravaganzen in Warburg. Wie schön, dass die Bewohner des Städtchens aber zumindest eine farbenliebende Mitbürgerin haben.
    Herzlichst
    Marie W.

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