Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.
Der Lady-Blog liest: Hunnen und Rebellen

Die schönen, berühmten und skandalträchtigen Mitford-Sisters gehörten zu den schillernsten Persönlichkeiten des Englands der 30er Jahre und tauchen auch heute noch immer wieder in Zeitschriftenartikeln, Büchern und Filmen auf. Die amüsanten Werke von Nancy Mitford wurden auf dem Lady-Blog zum Teil ja schon kontrovers diskutiert. Doch nicht nur Nancy schrieb Bücher. Von ihrer jüngeren Schwester Jessica ist im Verlag von Petra und Heinrich von Berenberg jetzt Hunnen und Rebellen erschienen, eine Autobiografie über ihre Familie und das 20. Jahrhundert.

Jessica Lucy Mitford (1917–1996) war die fünfte von sechs Töchtern und einem Sohn des 2. Baron Redesdale David Bertram Ogilvy Freeman-Mitford und seiner Frau Sydney Bowles. Während Tom, Deborah und Pamela im Wirbel um die Skandalgeschichten der Mitford-Geschwister untergingen, wurden die anderen Töchter der exzentrischen englischen Landadelsfamilie in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts berühmt oder berüchtigt – und zwar nicht nur durch endlose Fuchsjagden und glamouröse Coctailpartys. Da waren Nancy, die berühmte Schriftstellerin und Diana, die den Brauereierben Guinness und später den britischen Faschistenführer Mosley heiratete. Da war Unity, die glühende Verehrerin von Adolf Hitler und Jessica, die als Kommunistin zusammen mit ihrem Cousin Esmond Romilly, ein Neffe von Winston Churchill, in den spanischen Bürgerkrieg zog.

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Die Memoiren von Jessica „Decca“ Mitford sind ein komisches und boshaftes Porträt ihres exzentrischen und reaktionären Elternhaus. Ohne Hang zu Dramatik oder Verklärung stellt sie die unkonventionelle Kindheit der Mitford-Schwestern in der landschlösslichen Isolation dar. Vor allem die jüngeren Geschwister Jessica, Deborah und Unity hatten kaum Kontakt zur Außenwelt und wurden „wie ein isolierter Eingeborenenstamm“ überwiegend im elterlichen Asthall Manor in Oxfordshire von Gouvernanten unterrichtet. Aus diesem Grund erschufen die Kinder ihre eigene Welt und entwickelten teils abstruse Vorstellungen von der Wirklichkeit.

Unity und ich erfanden eine vollständige Sprache namens Boudledidge, die für alle anderen unverständlich war, und übersetzten verschiedene unanständige Lieder. Debo und ich organisierten die Sozietät der Honnen, deren Vorsitzende und einzige Mitglieder wir waren. Bei den Sitzungen der Society of Hons wurde Honnisch gesprochen, die offizielle Sprache der Sozietät, ein Englisch gefärbt mit einer Art Mischung aus nordenglischen und amerikanischen Akzenten. Die Hauptaktivität der Honnen bestand in den Plänen, die abstoßenden Anti-Honnen zu überlisten und zu besiegen, deren Hauptrepräsentant Tom war.

Die deutsche Erstausgabe von „Hons and Rebels“ erschien im Februar 2013 im Berenberg Verlag. Spannend ist nicht nur das Buch sondern auch der Verlag. Ende der neunziger Jahre entdeckte Heinrich von Berenberg, der 20 Jahre lang als Lektor und Übersetzer tätig war, auf dem Pariser Salon du livre die französische Ausgabe „Freund und Feind“ von John Maynard Keynes. Der Wunsch, ein eigenes nicht belletristisches Programm zu entwickeln, war geboren und Keynes Werk wurde das „Ur-Buch“ des Verlages. Seitdem erscheinen halbjährlich drei bis vier Bücher im Berenberg-Verlag: autobiographische und biographische Werke, Essay- und Memoiren-Literatur. Die Überlebensstrategie des kleinen Verlags ist nicht nur eine sorgfältige Auswahl der Werke sondern auch eine wertvolle äußere Präsentation der Lieblinge. Alle Bücher sind darum fadengeheftet und in Halbleinen mit schönen Vorsatzblättern gebunden.

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»Berenberg ist unter den Verlagen das, was bei Jane Austen der wohlwollende Mr. Bennett ist: Der sagt nicht viel, aber wenn er spricht, vernimmt der Leser es mit Lust.«
Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung, Frühjahr 2006

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1 Kommentar
  • Sybille sagt:

    Dani,

    was für eine tolle Entdeckung – sowohl Buch als auch Verlag. Wie schön das Werk aufgemacht ist, sieht man schon auf Deinen Fotos. Und die Mitfords sind eigentlich ein Garant für gute Unterhaltung. Das Buch kommt sofort auf meine Wunschliste.

    Liebe Grüße
    Sybille

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