Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.
Der Lady-Blog liest: Frauen und Bücher

Dieses Buch möchte ich allen Frauen empfehlen, die das Lesen lieben. Die von klein auf jedes Buch verschlungen haben, nachts noch unter der Decke mit der Taschenlampe in ihrem Lieblingsroman schmökerten und denen noch heute Sätze über die Lippen kommen wie: „Ich kann jetzt nicht, nur noch eine Seite!“ Sie werden die Leserinnen verstehen, die Stefan Bollmann in Frauen und Bücher: Eine Leidenschaft mit Folgen portraitiert. Aus weiblicher Perspektive und anhand einer Fülle von Anekdoten, enfaltet Bollmann eine Kulturgeschichte des Lesens, die im 18. Jahrhundert beginnt, als junge Damen die Leselust entdecken und in der Gegenwart mit Phänomenen wie Fanfiction und „Shades of Grey“ endet. Unterhaltsam, kenntnisreich und klug beschreibt Stefan Bollmann, wie Lesen das Leben verändern kann.

Rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne

Seine Buchlesung in Würzburg beginnt Stefan Bollmann mit einer Anekdote über den Schriftsteller Heinrich von Kleist. Dieser besuchte während einer Reise im Jahr 1800 die lokale Leihbibliothek und war höchst erstaunt, als er vom Bibliothekar erfuhr, dass sich weder Literatur von Goethe noch von Wieland oder Schiller in den Beständen befinde. Dafür könne dieser ihm jedoch eine reiche Auswahl an Schauerromanen und Rittergeschichten anbieten: „Rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben.“ Leihbibliotheken wurden lange Zeit vor allem von Frauen genutzt und die schätzten nun einmal einen spannenden Roman. Wie sich die weibliche Leselust in den letzten 300 Jahren entwickelte, könnt Ihr in „Frauen und Bücher“ chronologisch sortiert nachempfinden.

Für jeden Roman ein Kuss

Bollmann erzählt von Zeiten, in denen das Lesen, das lange eine männliche Domäne war, nach und nach von Frauen übernommen wurde. Er beginnt mit Friedrich Gottlieb Klopstock, der 1750 die Dichterlesung erfand: In seinem Garten trug er einer Schar junger Frauen seine Oden vor und kassierte dafür Küsse. Er berichtet von der entlassenen Vorleserin Eugenie Marlitt, die vor 150 Jahren zur ersten Bestsellerautorin der Welt aufstieg. Und er lässt natürlich auch nicht unsere geliebte Jane Austen aus, die Frauen nur dann für voll nahm, wenn sie sich für Romane begeisterten. Von Ehemännern und Eltern wurde die Leselust der Frauen jedoch nicht immer unterstützt. Die einen sahen in Romanen etwas Oberflächlich-Flaches, das den Geist verdirbt, die anderen vermuteten hinter der Lektüre etwas Aufrührerisches, Revolutionäres. Ganz unrecht hatten sie mit Zweiterem nicht. So erkannte schon Emma Bovarys Schwiegermutter, dass Romanlektüre Frauen zum selbstständigen Denken und Fühlen verleite.

Mit Büchern aus der eigenen Herkunft ausbrechen

„Frauen lesen, um zu leben, nicht selten auch, um zu überleben. Im Lesen riskieren sie Gefühle, versetzen sie sich in fremde Figuren und Welten, entdecken sie ihre eigene Wahrheit“, schreibt Bollmann. Wie man mit Hilfe von Büchern aus der eigenen Herkunft ausbrechen und ein selbstständiges Leben führen kann, machte die erste Joyce-Verlegerin und Buchhändlerin Sylvia Beach ebenso deutlich wie die hochbegabte Susan Sonntag. Ganz ungefährlich war es jedoch nicht, sich der Leidenschaft für Romane vollends hinzugeben – das prominenteste Beispiel ist sicherlich Goethes Werther. Obwohl der Held des Romans männlichen Geschlechts ist, und damit weniger stark zur Identifizierung dient, war die Zahl der Frauen unter den Selbstmordfällen, die mit Werther in Verbindung gebracht werden, signifikant hoch.

Habt Ihr das gewusst? Marilyn Monroe ließ sich gerne mit Büchern fotografieren um zu zeigen, dass sie nicht nur das oberflächliche, dumme Blondchen ist, als das sie gerne hingestellt wurde. Eines ihrer Lieblingsbücher war gerade der „Ulysses“ von James Joyce, der als unlesbar gilt.

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Dr. Stefan Bollmann, geboren 1958, promovierte nach seinem Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie über Thomas Mann, empfand den Wissenschaftsbetrieb aber schnell als zu abstrakt und wirklichkeitsfern. 1998 tauschte er den Beruf des Hochschullehrers darum mit dem des Lektors und später dem des Schriftstellers. Mit Bestsellern wie „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ (2005) und „Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug“ (2010) stieß er einen Boom mit Frauenbüchern an. Auf meine Frage, welche Klassiker der Weltliteratur jede Lady gelesen haben sollte, nannte mir Stefan Bollmann übrigens folgende fünf Bücher. Habt Ihr sie gelesen?

1. Lew Tolstoi: Anna Karenina
2.Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther
3. Virginia Woolf: Der gewöhnliche Leser: Essays
4. Ian McEwan: Abbitte
5. Gustave Flaubert: Madame Bovary

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13 Kommentare
  • Jess sagt:

    Hallo Dani – tolle Entdeckung. Schaue ich mir auf jeden Fall mal genauer an.
    Von den genannten Büchern habe ich bisher nur Abbitte gelesen, da herrscht definitiv Nachholbedarf.

    Viele Grüße
    Jess

  • Amalia sagt:

    Vielen Dank für diese amüsante Buchvorstellung!

    Die Frage nach den fünf Büchern, welche eine Lady gelesen haben sollte, finde ich sehr anregend. Ich könnte mir manche Anschlussfrage, aber auch noch einige andere Listen vorstellen, z.B. diese:

    1. Sophie von La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim
    2. Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel
    3. D. H. Lawrence: Lady Chatterleys Liebhaber
    4. Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen
    5. Sylvia Plath: Die Glasglocke

    Liebe Grüße
    Amalia

  • Dani sagt:

    Oh, eine spannende Buchliste liebe Amalia! Ich habe die Bücher direkt mal verlinkt.

  • Anja sagt:

    Bis auf Abbitte habe ich alle bereits in meiner Studienzeit gelesen. Da eine Lady aber nie genug gelesen haben kann, könnte man die Liste unendlich erweitern. Dabei fällt es heute schwer aus der Vielzahl von “ witzigen“ Büchern ohne längeren Mehrwert und Biografien gute Bücher herauszufiltern.
    Empfehlen kann ich zum Beispiel, gerade auch als Weihnachtsgeschenk , die Biographie von Madeleine Albright.
    Oder die Buchtips auf dem Lady-Blog. Die führten mich schon einige Male in den Buchladen.

    Liebe Grüße
    Anja

  • Dani sagt:

    Liebe Anja,

    ja die Biographie von Madeleine Albright ist sehr gut und die haben wir hier sogar auch schon vorgestellt:

    http://www.lady-blog.de/der-lady-blog-liest-albrights-erinnerungen-an-prag/

    Herzliche Grüße
    Dani

  • Franziska sagt:

    Hallo Dani,

    Danke für den Tipp! Witzigerweise habe ich die letzten Tage damit verbracht mir eine ähnliche Leseliste zu erstellen auf der fast alle der bisher genannten Titel auftauchen :-) Ich muss gestehen während meines berufsbegleitenden Studiums hat mir die Geduld für „klassische“ Literatur gefehlt, aber jetzt nach dem Abschluss, hat Fitzgerald’s „Der große Gatsby“ meine Begeisterung dafür neu entfacht. Das erste „Projekt“ meiner Leseliste ist nun „Große Erwartungen“ von Charles Dickens und ich stimme Anja voll und ganz zu: man kann wirklich nie genug lesen :-)

  • Dani sagt:

    Liebe Franziska,

    „Große Erwartungen“ ist ein ganz wundervolles Buch – viel Freude damit! Die BBC-Serie dazu ist übrigens auch sehr sehenswert. :-) Was steht denn sonst noch so auf Deiner Liste?

    Herzliche Grüße
    Dani

  • Schwedenlady sagt:

    Als Jugendliche hatte ich einen Storm- und Fontanefaibel, ich las alles, was mir von den beiden Autoren in die Hände fiel. Dann stand bei mir Gertrud von Lefort hoch im Kurs, Selma Lagerlöf („Gösta Berlings Saga“, „Mårbacka“, die Löwenskjölds), Ibsen („Brand“, „Baumeister Solness“).

    Manche mögen mehr die russischen Autoren, manche die deutschen Klassiker, Jane Austen, ich die nordischen Schriftsteller… Die Lady sollte auch Brecht und Grass lesen, auch Gegenwartsliteratur, gerne auch leichte und leicht verrückte Kost. Glaube, er heißt Jonas Jonasson: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Irgendwie hat mir dieses Buch einen herrlich kreativen Sommer 2012 geschenkt und, da ich es meinem Mann geschenkt habe, gleich viele anregende Gespräche ums letzte Jahrhundert.

    Ein Aspekt hat bisher gefehlt: Ich finde, die Lady sollte sich auch mit der Geschichte der Sehenswürdigkeiten und den Sagen und Legenden der eigenen Heimat auskennen oder sich in die ihrer neuen Wahlheimat einarbeiten. Da ich 88 nach Mittelfranken kam, musste ich das tun. Das war eine spannende Zeit. Man kann so bei verwandten und Freunden von weiter weg sehr gut als Reiseführerin fungieren. Da kann man dann auch Shopping- und Sehenswürdigkeitenschau prima verbinden. Und dann beim Kaffee oder am Abend Sagen erzählen. Das gefällt auch den Kindern.

  • Dani sagt:

    Stimmt Schwedenlady, den Hundertjährigen von Jonasson habe ich auch verschlungen. Hast Du sein Neues auch schon gelesen?

  • Amalia sagt:

    @ Dani: Vielen Dank für die Verlinkung der Bücher, wie nett!

    Ohne penibel zu erscheinen: Könntest Du bitte den Link für Sophie von La Roche auf eine ordentliche Ausgabe umstellen?

    Bei AutorInnen, für deren Texte kein Copyright mehr besteht, kursieren leider oft Ausgaben, deren Qualität mit der von Synthetikpullovern aus Bangladesch vergleichbar ist.

    Auf Amazon wird alternativ die Reclam-Ausgabe angeboten, bibliophil zugegebenermaßen kein Hochgenuß, aber philologisch anständig gemacht. Die auch als Buch schöne Ausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag wird dort merkwürdigerweise gar nicht angezeigt, ist aber direkt auf der Verlagsseite zu haben:
    http://www.dtv.de/buecher/geschichte_des_fraeuleins_von_sternheim_13530.html?show=presse

    Pardon, ich möchte nicht penibel wirken, aber auch hier sollte man gewisse Standards nicht unterschreiten.

    LG,
    Amalia

  • Dani sagt:

    Amalia – no problem, habe es auf die Reclam-Ausgabe verlinkt. War ehrlich gesagt auch etwas erstaunt, dass man das Buch (zumindest bei Amazon) momentan von keinem der großen Verlage bekommt.

  • Schwedenlady sagt:

    @Amalia und alle: Vielleicht gefällt Euch diese Möglichkeit: Projekt Gutenberg stellt viele Werke online, die den Copyrightschutz nicht mehr haben, meist in guten Übersetzungen, handelt es sich um ausländische Werke. Beispielsweise haben die eine Übersetzung von Peer Gynt (Ibsen) von Christian Morgenstern, die ich, so weit ich norwegisch lesen kann, hervorragend finde. Die Poesie des Originals bleibt. Projekt Gutenberg, Autorenseite Für mich als Blinde bietet das den Vorteil, die Wohnung nicht vollstellen zu müssen, die Bibel hat beispielsweise 30 Bände in Blindenschrift, das GG zwei, das BGB waren glaub ich auch über 14. Ich muss nichts bei Ausleihen zur Post schleppen und kann mich auf Gegenwartsliteratur in der Ausleihe konzentrieren. Taschenbücher lassen sich besser scannen als gebundene. Da fehlen oft die Zeilen zur Buchmitte hin, der Falts lässt sich schwer scannen. Bücher zerschneiden lassen, damit ich die Seiten gut scannen kann, hat mich immer abgeschreckt. Das unlesbare Durcheinander im PC dann auch. Habe ich’s digital, kann ich wählen, ob ich es mit Braillezeile lese, oder mir vorlesen lasse.

    Für nordische Literatur in den Originalsprachen gibt’s auch ein Archiv: Project Runeberg Allerdings hatten die nicht alle Werke von Lagerlöf, evtl. hat sich das mittlerweile geändert. Gutenberg ist da, vom Gefühl her, besser gepflegt. Das ist nur eine persönliche meinung, wohlgemerkt.

    @Dani: Nein, den neuen Jonasson habe ich noch nicht gelesen, war heuer nicht in Schweden, nächstes Jahr aber, wenn ich fahre, kaufe ich mir entweder das Taschenbuch zum Scannen oder die Hörbuchausgabe. In Schweden gibt’s nur ungekürzte Audiobücher zu Buchpreisen, da keiner benachteiligt werden soll. Finde ich super! Freue mich schon wie ein Kind, meine Wunschliste im PC füllt sich. Die wird dann gedruckt, mitgenommen und abgearbeitet. Aus der Akademischen Buchhandlung in Uppsala komm ich meist mit zwei riesen Tüten wieder heim. Lesen und Hören sind für mich gleichwertig, ist evtl. bei Sehenden anders. Hab den Hundertjährigen als Hörbuch hier und eben dann meinem Mann die deutsche Ausgabe gekauft. Liest er irgendwas und ich „ziehe nicht richtig“, kauft er mir meist das Audiobook (da billiger) in Schweden. :-) Wir lesen uns auch gerne vor, vor allem im Winter. Ich lese am liebsten im Bett vor, da ich mir das Blindenschriftbuch bequem auf den Bauch legen und entspannt lange lesen kann. :-)

    Übrigens gibt’s Werke ohne Copyrightschutz bei
    http://www.vorleser.net
    zu hören. Die haben auch entzückende Weihnachtsliteratur. Orangenkugel basteln bei „Nussknacker und Mausekönig“ ist für meinen Sohn und mich letztes Jahr richtig toll gewesen.

    Schöne Vorweihnachtszeit,

    Grüßle, Schwedenlady

  • Franziska sagt:

    Hallo Dani,

    Danke für den Tipp mit der BBC Serie! Werde ich mir sicherlich auch noch genauer anschauen.
    Ansonsten steht auf meiner Liste noch: „Die Schönen und Verdammten“ von Fitzgerald, „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tzu und „Anna Karenina“ von Tolstoi…ich bin diesen Winter also beschäftigt :-)

    schöne Grüße

    Franziska

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