Dani

Daniela ist promovierte Germanistin und freie Journalistin für verschiedene Magazine. Den Lady-Blog gründete sie nach einem Praktikum bei einem Berliner Start-up im Jahr 2010.
Der Lady-Blog liest: Englische Liebschaften

Nancy Mitford gehörte nicht nur zu den skandalträchtigen Mitford-Sisters, sondern war auch eine begnadete Beobachterin ihrer Zeitgenossen. Wie kaum einer anderen Schriftstellerin gelang es Ihr, ein humoristisches, fast karikatureskes Bild der britischen Oberschicht zu zeichnen. Da Nancy Mitford in Deutschland leider ein wenig in Vergessenheit geraten ist, freue ich mich sehr, dass der GRAF-Verlag momentan ihre bekanntesten Werke wieder auflegt. Wer Jane Austen und Julian Fellowes mag, wird auch an Englische Liebschaften Gefallen finden.

Ein Choleriker wird zum Lämmlein

Englische Liebschaften war eines dieser Bücher, das ich erst wieder aus der Hand legte, nachdem ich es bis zur letzten Seite verschlungen hatte – in wenigen Stunden. Am liebsten mochte ich die Figur des strengen Übervaters, die im Laufe der Erzählung immer mehr weichen Kern offenbart. Aus einem Choleriker, Exzentriker und Sadisten wird ein Lämmlein, das bei der Hochzeit in der Kirche weint und seine Lieblingstochter Linda Radlett nicht unglücklich sehen kann. Zwar brüllt er gelegentlich seine Nachbarn oder die Politiker im Oberhaus an, bezeichnet die Jugend und Ausländer gerne als Gullis, doch so richtig ernst nimmt ihn keiner, denn er gehört nun einmal zum alten Adel und dem verzeiht man ein bisschen Exzentrik. Hinter der Figur des Matthew Radlett steckt niemand anderes als Nancy Mitfords eigener Vater.

Eine Gesellschaft im Umbruch

Englische Liebschaften ist der autobiografischste Roman von Nancy Mitford. Wie ihre Romanheldin Linda wuchs sie mit sieben Geschwistern in einem Schloss auf dem britischen Lande auf und wie Linda verliebte sie sich mehrmals unglücklich in die falschen Männer. Doch obwohl im Roman die Suche nach dem Glück und der wahren Liebe im Vordergrund stehen, ist die Beziehung der Familienmitglieder untereinander und zum Rest der Gesellschaft in meinen Augen viel spannender. Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Gesellschaft im Umbruch begriffen – der Ausbruch des zweiten Weltkrieges steht kurz bevor und die Fronten zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus werden immer härter. Doch nicht nur die Arbeiterschicht begehrt auf, auch immer mehr Frauen pochen auf ihre Rechte.

Sprache als soziales Erkennungsmerkmal

Eine große Rolle spielt die Sprache als soziales Erkennungsmerkmal. Da sind einerseits die Geschwister, die einen eigenen Slang aus Spitznamen, Anekdoten und Geheimcodes entwickelt haben und da ist anderereits die Sprache der Us – der Upper Class. In einer Szene kritisiert Lord Radlett die schulische Ausbildung seiner Nichte Fanny. Er versteht nicht, warum eine Frau aus der Oberschicht sich bilden möchte und befürchtet, dass sie die Sprache der Mittelschicht annehmen könnte. Statt Briefpapier (writing paper) würde sie dann Schreibpapier (notepaper) sagen und aus dem Luncheon wird das Lunch. Englische Liebschaften ist eine köstliche Lektüre für kalte Wintertage.

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Nancy Mitfords beliebtester Roman Englische Liebschaften wurde von Reinhard Kaiser ins Deutsche übersetzt und wird um ein biografisches Nachwort von David Pryce-Jones ergänzt. Hier geht’s zur Amazon-Bestellungenglische liebschaften.

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U und non-U – eine Liste im Anhang gibt Aufschluss über die Sprachgepflogenheiten der britischen Oberschicht

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Nancy Mitford und ihrer Geschwister waren so schön wie skandalumwoben. Die mehrmals geschiedene Nancy galt dabei als vergleichsweise harmlos. Diane, 1932 zur Miss England gekürt, ließ sich vom Brauerei-Erben Bryan Guinness scheiden, um mit dem britischen Faschistenführer Sir Oswald Mosley durchzubrennen. Auch Unity hegt eine Vorliebe für den Nationalsozialismus und hielt sich lange im Bekanntenkreis von Adolf Hitler auf. Jessica war hingegen eine bekennende Kommunistin und heiratet während des spanischen Bürgerkrieges. Deborah, die jüngste, war so entsetzt von ihrer Familie, dass sie sich als Kind ein „Ausreißersparbuch“ anlegte um schließlich nach Amerika auszuwandern.

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2 Kommentare
  • Sybille sagt:

    Liebe Dani,

    vielen Dank für die schöne Buchkritik. Ich liebe Nancy Mitford und habe alle ihre Bücher gelesen. Das ist englische Exzentrik pur! Wer Gefallen an diesem Humor findet, mag vielleicht auch Evelyn Waugh (u.a. Wiedersehen mit Brideshead“) oder Julian Barnes.

    Liebe Grüße
    Sybille

  • Liebe Dani,
    deine Kritik macht wirklich Lust aufs Lesen dieses Buches. Es steht schon auf meiner Wunschliste!
    Herzliche Grüße
    Claire

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