Christine von Brühl: „Gerade dadurch sind sie mir lieb. Theodor Fontanes Frauen“

Fontane habe ich während meines Studiums intensiv gelesen, in den darauffolgenden Jahren sind seine Werke jedoch aus meinem Blickfeld geraten. Bis jetzt! Eine Lesung der Autorin Christine von Brühl in der Gütersloher Buchhandlung Markus hat mich wieder auf den Geschmack gebracht. Aus ihrem Fontane-Buch „Gerade dadurch sind sie mir lieb. Theodor Fontanes Frauen“ geht hervor, dass Theodor Fontane ein echter Frauenversteher war. von Sybille

Fontane stellt Frauen in’s Zentrum seiner Werke

Fontane war ein echter Frauenversteher! Und das ist sehr positiv gemeint. Zum einen stellt er Frauen in das Zentrum seiner Werke, was zu seiner Zeit durchaus ungewöhnlich war. Er kritisiert durch die Schilderung seiner Frauengestalten und ihrer Schicksale die gesellschaftlichen Widersprüche des 19. Jahrhunderts. Diese Frauen verhalten sich nicht der Konvention und den gesellschaftlichen Regeln entsprechend und zerbrechen an diesen Verhaltensnormen. Dabei zeigt er ein großes Verständnis und Mitgefühl für diese Frauen, was ebenfalls (nicht nur) für die Männer seiner Zeit sehr fortschrittlich war. Christine von Brühl, die sich bei den Recherchen zum Buch auch ausführlich mit den Briefwechseln Fontanes beschäftigte, ist der Überzeugung, dass er sich so gut in die Frauen einfühlen konnte, weil er selbst Zeit seines Lebens unglaublich viel und hart arbeitete und trotzdem nie die Anerkennung bekam, die ihm zustand.

Das Schicksal von Martha Fontane hat mich sehr berührt

Außerdem korrespondierte Theodor Fontane mit zahlreichen Frauen und hatte im Umfeld viele reale Vorbilder für seine Romanfiguren: seine Frau Emilie, seine Tochter Martha oder die Stiftsdame Mathilde von Rohr, mit der er einen jahrelangen Briefwechsel führte. Insbesondere das Schicksal von Martha Fontane hat mich sehr berührt. Von Brühl beschreibt sie als hochintelligente Frau, die von ihren Eltern sehr gefördert wurde. Sie besuchte eine private Mädchenschule, war u.a. bereits mit zehn Jahren von ihren Eltern für ein Jahr nach England geschickt worden und sprach fließend Englisch. Sie bestand das Lehrerinnenexamen und galt als eine der am besten ausgebildeten Frauen Deutschlands. Doch sie konnte niemals eine ihrem Wissen angemessene Stelle ergreifen. Zwar arbeitete sie zeitweise als Hauslehrerin, doch Erschöpfungszustände und Angstattacken verhinderten eine durchgehende berufliche Tätigkeit.

Eine Lesung der Autorin Christine von Brühl in der Gütersloher Buchhandlung Markus

„Effi Briest“, „Mathilde Möhring“, „Unterm Birnbaum“ – der Aufbau-Verlag hat einige Fontane-Bücher neu aufgelegt

Wer liest schon Thomas Mann, wenn er Fontane lesen kann?

Martha Fontane kehrte also zu ihren Eltern zurück, unterstützte sie, war jedoch nie wirklich glücklich und heiratete erst spät einen viel älteren Mann. Das Schicksal seines Lieblingskindes traf Fontane hart, denn er wusste um ihre Möglichkeiten, die sie aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen nie nutzen konnte. In ihrem Buch beschreibt Christine von Brühl aber nicht nur die Frauen der Familie oder die Vertrauten Fontanes, sondern sie geht auch auf einige der realen Vorbilder von Fontanes Frauengestalten ein, darunter Elisabeth von Ardenne, deren Schicksal Vorlage für „Effi Briest“ war. Mit seinem letzten Roman wurde Theodor Fontane zum Wegbereiter des deutschen Gesellschaftsromans, ohne den Thomas Manns „Buddenbrooks“ vielleicht niemals so positive Resonanz erfahren hätte. Im Gegensatz zu Fontane muss dieser übrigens ein egozentrischer Mensch gewesen sein, der seine Kunst über alles stellte und seiner Frau und seinen Kindern das Leben schwer machte. Also alles andere als ein Frauenversteher.

Die Inspiration vor der Haustür


Die Inspiration zu ihrem Buch fand Christine von Brühl direkt vor der Haustür. Die Brücke, auf der Theodor Fontane seiner zukünftigen Frau Emilie einen Heiratsantrag machte, befindet sich in der Nachbarschaft und die Dorotheenstädtische Apotheke (früher Polnische Apotheke), in der Fontane als Rezeptar arbeitete, ist die Hausapotheke der Autorin. Folgerichtig widmete von Brühl ihr Buch allen Apothekerinnen dieser Erde, insbesondere Ulrike Uhlig, der Inhaberin der Dorotheenstädtischen Apotheke. Die intensive Beschäftigung mit Fontane im Rahmen dieses Buches empfand Christine von Brühl als großes Geschenk, denn so hätte sie Fontane noch einmal neu begegnen können.

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