Buch-Tipp: Konsum - Warum wir kaufen was wir nicht brauchen

Vor einigen Wochen habe ich Euch bereits das grandiose Buch „Unfair Fashion“ von Dana Thomas vorgestellt. „Konsum“ von Modedesigner und Trendanalyst Carl Tillessen geht in dieselbe Richtung, bleibt allerdings nicht beim Thema Mode. Hier geht es tatsächlich um die entscheidende Frage: Warum kaufen wir, was wir nicht brauchen? von Virginia

Wir kaufen bis zum Besitzinfarkt

Lasst mich mit einem Zitat aus „Konsum“ beginnen, dass das Thema von Carl Tillessens Werk gut zusammenfasst: „Und weil wir mehr kaufen, als wir jemals verbrauchen können, nimmt unser Besitzstand beständig zu. Er nimmt auf so ungesunde Weise zu, wie ein Körper, dem man permanent mehr Kalorien zuführt, als er verbrennen kann: unsere Schränke gehen aus dem Leim, unsere Regale borden über, unsere Keller sind vollgestopft, unsere Speicher überlastet. Unsere Hausstände verfetten, und trotzdem shoppen wir weiter bis zum Besitzinfarkt. (…) so lange, bis wir uns in unseren eigenen vier Wänden nicht mehr wohlfühlen, bis wir das Gefühl haben, uns unter dem ganzen Ballast kaum noch bewegen können, keine Luft mehr zu bekommen. Vor gut hundert Jahren (also vor den Verlusten durch die beiden Weltkriege) hatte eine durchschnittliche deutsche Familie etwa 180 Dinge in ihrem Haushalt. Heute sind es 10.000.“

Nicht mal Corona konnte den Konsumrausch stoppen

Wer mich kennt weiß, dass ich ein Freund von Strukturen bin. Das Buch von Mode-Designer Carl Tillessen hat Struktur! Der Inhalt ist in kurze Kapitel unterteilt, die den Nagel jeweils kurz und schmerzhaft auf den Kopf treffen. Schmerzhaft deswegen, weil man sich und andere ertappt sieht. Kaum ein Kapitel in dem ich nicht bitter nicken musste, weil mir spontan Situationen in den Kopf schossen, in denen ich mich selbst, Familienangehörige oder Freunde wiedererkannt habe. Regelrecht unheimlich! Und unheimlich ist genau das, was wir alle tun. Konsumieren. Ohne Punkt und Komma, pausenlos. Selbst die Corona-Pandemie konnte den weltweiten Konsumrausch nicht stoppen. Ganz im Gegenteil: „Als die Hermès-Boutique im chinesischen Guangzhou nach monatelanger coronabedingter Schließung am 11. April wieder eröffnete, nahm sie am erste Tag 2,47 Millionen Euro ein – der höchste Tagesumsatz einer einzelnen Boutique in China.“

Schnäppchenkäufe am Black Friday

Und wir alle erinnern uns sicher an die Bilder der IKEA-Öffnungen nach dem Lockdown, die durch die Nachrichten geisterten: Hunderte Menschen, die vor den Türen des Möbelschweden geduldig über Stunden hinweg Schlange standen, um Dinge nach Hause zu tragen, die in den meisten Fällen sicherlich bereits im Überfluss vorhanden waren: Papierservietten, Duftkerzen, Körbe und Regale. Auch der alljährliche Black Friday scheint es den Meisten unmöglich zu machen, ein paar vermeintlichen Schnäppchenkäufen zu widerstehen. „2019 eskalierten die Proteste und Boykottaufrufe gegen den alljährlichen Konsumrausch am Black Friday. Die Konsument*innen gaben sich einsichtig: In einer Vorabumfrage erklärten fast zwei Drittel, sie seien sich der ökologischen Auswirkungen ihres Black-Friday-Konsums bewusst geworden und würden diesen diesmal reduzieren wollen. Tatsächlich kauften sie an dem darauffolgenden Black Friday aber mehr als je zuvor in der siebzigjährigen Geschichte des Shopping-Events.“

Buch-Tipp: Konsum - Warum wir kaufen was wir nicht brauchen

Instagram verändert unser Konsumverhalten

Es wird konsumiert. Bei jeder Gelegenheit, gegen jede Vernunft, oftmals über das zur Verfügung stehende Budget hinaus und unabhängig von der Lebensituation, die uns gerade beherrscht. Konsum macht glücklich und lässt uns teilhaben. Und der vielleicht wichtigste Aspekt: Konsumieren ist schon lange keine Privatsache mehr: „Die Menschen wählen die persönlichen Gegenstände, mit denen sie sich umgeben, inzwischen von vornherein danach aus, ob sie sich für die digitale Selbstdarstellung eignen. Im Hinblick auf die Instagram-Stilleben/Selbstportraits kauft man jetzt Dinge, die man früher nie gekauft hätte. Und man verzichtet auf Dinge, die einem früher wichtig waren, weil sie nicht instagrammable sind.“ Konsum dient heute hauptsächlich der Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken. Der superteure Rimowa-Alutrolley ist zwar nicht so viel besser als vergleichbare Trolleys ohne Markenschriftzug, aber er wirkt halt einfach gleich viel lässiger. Ein Weltenbummler, der was auf sich hält, zieht Rimowa hinter sich her!

Berufswunsch Influencer

Und der markante 8er Kubus von By Lassen – das Statussymbol im skandinavischen Interiordesign – hat neben dem gesalzenen Kaufpreis bei regelmäßiger Nutzung auch weiterhin seinen Preis: mit einem Schlag werden statt nur einer gleich 8 Kerzen abgebrannt. Festgehalten in einem kleinen quadratischen Foto verewigt man sich selbst durch alle materiellen Errungenschaften die der Markt zu bieten hat. All das ist für uns schon so zur Normalität geworden, dass wir uns weder darüber wundern, noch das Ganze in Frage stellen. Da ist es eine fast logische Schlussfolgerung dass der Berufswunsch „Influencer“ für viele Jugendliche auf Platz 1 steht: „Kein Wunder also, dass zum Beispiel in den USA nicht weniger als 86 Prozent aller Leute zwischen 13 und 38 ebenfalls Influencer werden wollen. All diese jungen Menschen tagträumen von einem märchenhaften gesellschaftlichen Aufstieg durch den richtigen Konsum.“

Konsum findet heute online statt

Konsum hat natürlich unglaublich viele Facetten. Wir konsumieren nicht nur materielle Dinge, wir konsumieren auch immaterielle Dinge. Wir lassen uns freiwillig über alle Kanäle berieseln, wie in einer Dauerwerbesendung. Dabei ist es auch gleich, ob wir tatsächlich Werbung oder auf Instagram sehnsüchtig auf das Zuhause anderer User schauen. Selbst Privatmenschen bewerben wie am Laufband unterschiedlichste Produkte, präsentieren stolz jede neue Errungenschaft und zeigen uns, was man alles braucht um ein glückliches Leben zu führen. Durch die Digitalisierung spielt sich ein Großteil des heutigen Konsums online ab, was zum vielleicht erschreckendsten Punkt führt: „Wir verbringen inzwischen durchschnittlich mehr als die Hälfte unserer sechzehn Wachstunden mit unserem Smartphone, im Internet und vor dem Fernseher. Das heißt, dass man von zehn Lebensjahren nur vier im echten Leben zubringt.“

Wenn wir etwas konsumieren sollten, dann ist es dieses Buch! Es trifft den Nerv, führt kurz und prägnant auf, wo die Probleme liegen und fasst auch sehr treffend ohne „Blabla“ zusammen, wie wir der Mühle nach und nach entkommen können. Für mich das beste Buch aus 2020! Danke Carl Tillessen!

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1 Kommentar
  • Martina sagt:

    Liebe Virginia,

    vielen Dank für diesen Buchtipp. Der Titel kommt auf jeden Fall auf meine Buchwunschliste. Auch wenn ich damit ein „Ding“ mehr habe, geht es durch mehrere Lesehände und steht entweder im Bücherregal, um wieder einmal gelesen zu werden (wie viele andere lieb gewordene Bücher ebenfalls) oder es kommt in den Bücherschrank ganz in unserer Nähe, dann freut sich ein anderer darüber.

    Was brauchen wir wirklich? Sollten wir nicht gerade jetzt in der Pandemie gelernt haben, was wirklich wichtig ist und was unwichtig? Und wie wenig wir zum Wohlfühlen, Behütet fühlen benötigen? Interessant.
    Sehr erschreckend finde ich die Aussage über Instagram & Co. Ich nutze Instagram noch nicht sehr lange rein aus beruflichen Gründen und merke schon, wie zeitraubend es ist. Das ist auch ein spannendes Thema in dem Zusammenhang – Zeit und wie wir sie verbringen.

    Vielen Dank auf jeden Fall für den Tipp, ich freue mich schon auf die Lektüre.

    Herzlichst
    Martina

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