Brideshead: Die kühle Welt des englischen Adels

Der Downtown-Abbey-Hype hält an. Vor kurzem startete die 4. Staffel. Doch die kühle Welt der englischen Oberschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde bereits in einigen anderen bemerkenswerten Fernsehserien thematisiert, etwa der Forsythe Saga oder dem Haus am Eaton Place. Mein absoluter Favorit – und sozusagen der Vorläufer von Downtown Abbey – ist der Mehrteiler Wiedersehen mit Brideshead. Diese Miniserie lief 1983 zum ersten Mal im deutschen Fernsehen und begeistert mich vor allem durch ihren scharfen Dialogwitz. Der Autor der Vorlage, Evelyn Waugh, hätte dieser Tage seinen 110. Geburtstag gefeiert. Von Sybille

Ein internationales Phänomen

Der Fernsehmehrteiler Wiedersehen mit Brideshead war ein Straßenfeger in den 80er Jahren, von Spiegel-Online wurde die elfteilige Serie sogar gar als „internationales Phänomen“ bezeichnet. Der damals noch unbekannte Jeremy Irons übernahm die Rolle des Charles Ryder, Anthony Andrews verkörpert Sebastian Flyte; in den Nebenrollen sind bekannte Schauspieler wie John Gielgud oder Laurence Oliver zu sehen. Die Handlung spielt in Oxford, London, Venedig, Marokko und immer wieder auf Schloss Brideshead: Hier wird Offizier Charles Ryder mit seiner Truppe einquartiert. Er kennt das Schloss noch aus der Vorkriegszeit und erinnert sich an deren Besitzer, die Familie Marchmain. Aus der Perspektive von Ryder wird die Geschichte dieser Familie erzählt – mal aus der Nähe, mal aus der Distanz nimmt der Offizier Anteil am Leben der Marchmains und wird Zeuge verschiedener Formen des Unglücks.

Ein intensives Sittengemälde

So wird sein enger Freund Sebastian im Laufe der Entwicklung zum Alkoholiker. Ryder selbst geht eine unglückliche Beziehung mit Sebastians Schwester Julia ein. Alle Figuren des Romans mit Ausnahme Sebastians und der bereits verstorbenen Lady Marchmain begegnen sich schließlich am Totenbett Lord Marchmains, der vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach England zurückgekehrt ist. So entsteht ein intensives Sittengemälde aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Als ich die Serie zum ersten Mal sah, verliebte ich mich vor allem in die opulente Ausstattung, die Mode, die ausgesucht gute Besetzung und konnte mich am England der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts kaum sattsehen. Ich klebte gebannt vor dem Fernseher und wurde in kürzester Zeit zum Brideshead-Fan. Im Anschluss an die Fernsehausstrahlung musste ich die Buchvorlage Wiedersehen auf Brideshead von Evelyn Waugh natürlich unbedingt haben. Und auch das Leseerlebnis enttäuschte mich nicht.

Ein Gegenstück zum Großen Gatsby

Brideshead gilt als Waughs berühmtestes Werk und wird manchmal sogar als Gegenstück zum Großen Gatsby bezeichnet. Eine Neuübersetzung ist vor kurzem im Verlag Diogenes erschienen. Auch weitere Werke dieses großartigen, scharfzüngigen Schriftstellers stehen in meinem Bücherregal. Waughs kunstvolle Sprache ist durchwirkt von Ironie und Witz. Er gilt zwar als erzkonservativ und als Kulturpessimist, aber das hat meine Liebe zu seinen Büchern nie geschmälert. Denn der Brite verfügt neben einem wunderbaren Umgang mit der Sprache auch über reichlich schwarzen Humor: So nimmt er zum Beispiel in Tod in Hollywood die amerikanische Bestattungsindustrie auf’s Korn. Waugh beeinflusste übrigens zahlreiche andere Schriftsteller wie Muriel Spark oder den späteren Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul. Die Miniserie Wiedersehen mit Brideshead könnt Ihr in einer chicen DVD-Box inklusive einer ausführlichen Dokumentation über das Phänomen Brideshead erwerben.

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Wiedersehen mit Brideshead wurde 2008 neu verfilmt. Ich habe mir die Neuverfilmung nie angesehen, weil ich immer Bedenken hatte, dass er mit der Fernsehserie nicht mithalten kann. Für alle die es wagen möchten: Der Film läuft am 14. November um 1.55 Uhr in der ARD.

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15 Kommentare
  • Sonnenstrahl sagt:

    Ich habe von der Serien/ dem Buch noch nie etwas gehört. Aber als begeisterter England- und Downton Abbey-Fan bin ich neugierig geworden. Der DVD-Spieler ist schon programmiert. Vielen Dank für den Tipp!

  • Brockdorff sagt:

    Meine Freundin und ich sind große Fans der Serie mit Jeremy Irons als Charles Ryder.Grandios gespielt und opulent ausgestattet!Die Neuverfilmung im Gegensatz dazu erscheint einfach nur blass. Und trotz allem sollte man Waughs Buch lesen…

  • Maja sagt:

    Oh ich kenne beide Verfilmungen nicht und habe mir gleich den Termin notiert.
    Ben Whishaw habe ich in „The Hour“ gesehen und fand ihn klasse!

  • Andrea sagt:

    Vielen Dank für den Tipp. Die Serie will ich mir unbedingt ansehen. Der Film hat mich damals nicht so vom Hocker gehauen. Ich kann als weiteren Tipp noch „A room with a view“ von 1985 mit Helena Bonham-Carter empfehlen. Genial! Ähnliche Zeit, ähnliche Thematik. Und dann noch diese wundervolle Toskana-Landschaft und Arien von Puccini – ich schmelze jedesmal dahin!

  • Sonja sagt:

    Habe bisher nur das Buch gelesen. Das aber ebenfalls mit großer Suggestivkraft die bekannten Bilder vom englischen Upper-Class-Landleben der Vorkriegszeit heraufbeschwört. Im Unterschied zu den billigeren Versionen a la Pilcher hat Evelyn Waugh indes mehr als Klischees zu bieten, man denke an die Thematik rund um Sebastian Flytes Familie und ihr katholizismusbedingtes Außenseitertum. Ein wenig gestört haben mich gelegentlich deutschfeindliche Untertöne (Sebastians unhöflich-egozentrischer „Kraut“-Freund in Afrika), dürfte aber der Zeit geschuldet sein. Sehr empfehlen kann ich übrigens auch die anderen Bücher von Waugh (Schwarzes Unheil, der Knüller, mit Glanz und Gloria …): Wie Sibylle schon sagte: Ein intensives Sittengemälde des alten Empire-England.

  • Dani sagt:

    Andrea, Zimmer mit Aussicht möchte ich schon so lange mal schauen! Hast Du auch das Buch gelesen?

  • Sybille sagt:

    @Sonja: Ja – alle anderen Bücher von Waugh sind ebenfalls sehr lesenswert. Verfilmt wurde übrigens auch sein Roman „Eine Handvoll Staub“ (u.a. mit Kristin Scott Thomas).

  • Katharina sagt:

    Wer noch weiterlesen möchte: In seiner Autobiographie (A Little Learning) erzählt Waugh auch ausführlich von seiner Studienzeit in Oxford, deren Erlebnisse und Bilder er in Brideshead verarbeitet hat.

    Ich finde auch, daß die alte Fernsehverfilmung mehr Charme hat. Die neuen englischen Literaturverfilmungen schwelgen sehr in opulenten Bildern, aber die alten gefallen mir meistens besser.
    Sehr schön ist auch die alte „Pride and Prejudice“-Verfilmung mit Laurence Olivier….

    Katharina

  • Dani sagt:

    Katharina: Stimmt! Die Sense & Sensibility BBC-Verfilmung hat mir hingegen nicht sooo gut gefallen.

  • Oh schade, ich glaube um 1:55 Uhr bin ich nicht mehr wach. Aber tolle Tipp, danke auch für die DVDs. Das Haus am Eaton Place habe ich verschlungen früher. Wir hatten nur einen alten Fernseher, aber Hudson war auch in schwarz-weiß umwerfend.

  • Oder gibt’s das Haus am Eaton Place nur in schwarz-weiß?

  • Andrea sagt:

    @Dani: Das Buch habe ich mal angefangen, aber nicht zu Ende geschafft. Leider. Aber den Film kann ich dafür fast schon mitsprechen :-)
    @Katharina: Diese alte Stolz & Vorurteil-Verfilmung finde ich auch klasse! Auch wenn sie nicht ganz buchgetreu ist. Das Pferderennen :-) Emma gefällt mir von diesen neuen Verfilmungen hingegen sehr gut!

  • Dani sagt:

    Ich habe heute mal wieder Northanger Abbey zu lesen angefangen – einer meiner liebsten Jane-Austen-Romane. Die Verfilmung dazu steht auch noch auf meiner „To-Watch“-Liste. :-)

  • Katrin sagt:

    Die neue Emma Verfilmung finde ich auch ganz wunderbar….

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