Schuhe für’s Leben: Ein Besuch bei Dieter Kuckelkorn

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Genäht nicht geklebt: Ein Maßschuh hält bei guter Pflege ein Leben lang/Foto: Sara Buse-Niemann

Habt Ihr schon einmal in einem Billig-Schuhladen eingekauft? Und wenn ja, wart Ihr mit Eurem Kauf langfristig zufrieden? Ich bin der Meinung, dass billige Schuhe nicht an den Fuß einer Lady gehören. Das Material ist schlecht und riecht meist penetrant nach Chemie. Die Ökobilanz dieser Schuhe sieht erschreckend aus. Außerdem haben unsere Füße, die uns im Laufe unseres Lebens dreimal um die Erde tragen, nur das Beste verdient: im Idealfall einen handgefertigten Schuh. Was einen guten Schuh ausmacht, habe ich von Dieter Kuckelkorn erfahren – einem der bekanntesten Schuhmacher Deutschlands. von Sybille Hilgert

Vor ein paar Tagen war Dieter Kuckelkorn bei den Gütersloher Couturiers Kleegräfe & Strothmann zu Gast. Als ich das Geschäft betrat, breitete er gerade seine mitgebrachten Schätze aus und ich befand mich plötzlich mitten im Schuhparadies. Kuckelkorns Damenschuh-Design orientiert sich zwar an Herrenschuh-Modellen. Doch die Form- und Farbvielfalt der präsentierten Schuhe war so überwältigend, dass ich keinerlei Gedanken an High-Heels, Pumps oder Ballerinas verschwendete. Zumal ich mich auf der Stelle in ein Paar rot-weiß-blaue Schnürschuhe verliebte und gleich diverse französisch inspirierte Outfits vor meinen Augen hatte. Mir gefällt die Schuhart vor allem zu Marlene-Hosen, aber auch zu Jeans sehen sie hervorragend aus.

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Zwei Kuckelkorn-Modelle; In die dreifarbigen Schuhe habe ich mich auf den ersten Blick verliebt, wunderbar: das Lochmuster im roten Leder, welches das weiße Leder durchscheinen lässt und das rote Futter

An erster Stelle steht der handgefertigte Schuh

„Im Moment verkaufe ich sehr viele Chelsea-Boots“, verriet mir Kuckelkorn. Die Damen würden dieses Modell sogar zu Röcken tragen. Mir haben es auch der Autofahrer-Schuh, der einem Modell aus den 60er Jahren nachempfunden ist, ein etwas derberer Stiefel und die sportlichen Mokassins angetan. Allen Schuhen ist – neben der spürbar hochwertigen Machart – ihre Detailverliebtheit gemeinsam. Hier spürte ich die Passion, die Dieter Kuckelkorn seit 40 Jahren antreibt. Im Gespräch erzählte er mir, dass er drei Schuhqualitäten unterscheidet: An erster Stelle steht der handgefertigte Schuh, an zweiter Stelle das gute industriell gefertigte Modell von Alden oder Church, und dann erst kommen Marken wie Prada oder Santoni, für die vor allem der modische Aspekt eine Rolle spielt. Die individuelle Passform wird nicht berücksichtigt.

Dieter Kuckelkorn (links) erklärt Heinrich Kleegräfe und mir einige Fertigungsdetails

74 verschiedene Leisten, 140 Sohlen und 87 Ledersorten

Doch gerade die Passform ist für die Herstellung eines Maßschuhs entscheidend. Das Geheimnis steckt im Leisten. Dieses Formstück aus Holz ist eine vereinfachte Kopie des Fußes und bestimmt die Form und den Charakter des Schuhs. Da es sehr viele unterschiedliche Füße gibt, hat Kuckelkorn 74 verschiedene Leisten-Formen vorrätig. Im Anschluss kann der künftige Besitzer aus ca. 140 Sohlen und bis zu 87 verschiedenen Ledersorten in etwa 15 Farben seinen Traumschuh zusammenstellen. Doch auch die Fertigungsdetails faszinieren: Für jedes Schuhpaar schneidet der Schuhmacher ein und dieselbe Lederhaut einzeln manuell zu. Sohlen, Schaft und Rahmen werden nicht verklebt, wie industriell gefertigte Schuhe, sondern rundum zweimal vernäht – die Doppelnähte sogar einzeln per Hand.

Der Schuh unterstützt den natürlichen Gang

Die 3 cm dicke Lederbrandsohle wird sechs bis acht Monate lang in Eichellohe grubengegerbt. Zwischen Leder und Brandsohle fügt der Schuhmacher eine Korkausballung ein, welche die Wirbelsäule und Gelenke entlastet. Sie gibt nach zwei- bis dreimaligen Tragen so nach, dass der Fuß sich sein eigenes Fußbett schafft. Auch sonst fördert der Schuh den gesunden Gang: Zwischen Oberleder und Futter werden an den Außenseiten von der Vorder- bis zur hinteren Lederkappe Überstände verarbeitet, die den Schuh in Form halten und den Fuß beim Abrollen unterstützen. Da die Herstellung so aufwändig ist, dauert es sechs bis acht Wochen, bis ein Paar rahmengenähter Schuhe fertiggestellt ist. Diese sorgfältig und mit viel Herzblut gefertigten Schuhe haben dann eine Seele, davon ist Dieter Kuckelkorn überzeugt.

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Sohlendetail: Auch die Sohle zeichnet sich durch Detailverliebtheit aus

So passt der Schuh perfekt

Nach diesen Erläuterungen war ich ganz gespannt, wie sich so ein Schuh trägt. Ich muss gestehen: Ich empfand ihn zunächst als ziemlich eng und schon fast ein bisschen unbequem. „Das muss so sein“, erklärte Dieter Kuckelkorn. Ein handgefertigter Schuh verlangt beim Eintragen genauso viel Geduld wie bei der Herstellung. Sein Tipp: Der Schuh sollte ca. 1 Woche lang ein bis zwei Stunden am Tag zu Hause eintragen werden. So öffnen sich die Poren und der Schuh passt sich dem Fuß perfekt an. Und die Preise? Die variieren je nach verwendeten Leder, Sohlen und weiteren Details. Einfache Mokassins bekommt Ihr ab etwa 280 Euro, Chelsea-Boots und Schnürschuhe ab etwa 390 Euro. Im Gegensatz zu einem industriell gefertigter Prada- oder Louboutin-Schuh, der zum Teil noch mehr kostet, kann ein handgefertigten Schuh jedoch immer wieder aufgearbeitet werden. Dieter Kuckelkorn:

Ein guter Schuh ist kein kurzlebiges Konsumgut, das heute getragen und morgen weggeworfen wird. Er geht nicht mit der Mode und überholt sich nicht. Ein guter Schuh begleitet Sie über Jahrzehnte.

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Dieter Kuckelkorn ist einer der bekanntesten deutschen Schuhmacher; seit 40 Jahren stellt er hochwertige, handgefertigte Schuhe her

Fotos: Sara Buse-Niemann
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8 Antworten zu “Schuhe für’s Leben: Ein Besuch bei Dieter Kuckelkorn”

  1. Dani Sagte:

    Liebe Sybille, vielen vielen Dank für diesen sehr interessanten und hervorragend geschriebenen Artikel! Und der dreifarbige Budapester ist ja wirklich toll!

  2. Sofia Sagte:

    Das ist wohl eher was für die Herren. :-) Liebst, Sofia

  3. Sybille Sagte:

    @Sofia, es sind tatsächlich wunderschöne Damenschuhe, die allerdings – wie ich finde – am besten zu Hosen getragen werden. Die Qualität ist unschlagbar und nicht zu vergleichen mit dem, was man in “normalen” Schuhgeschäften findet.
    @Dani: Vielen Dank. Das Interview und das Schreiben haben mir sehr viel Spaß gemacht.

  4. Dirk Sagte:

    Wie kam ich bloß bislang ohne Maßschuhe aus? Ein wunderbarer Beitag, der so richtig Lust macht auf Maßgeschneidertes. Tolle Fotos, liebevoller Text. Macht Spaß: zu lesen, zu gucken.

  5. Maja Sagte:

    Sehr interessant!

    Wir waren am WE in London und ich bin bei Church’s vorbeigelaufen. Jetzt ärgere ich mich das ich nicht reingegangen bin und ein paar Schuhe probiert habe. Ich hab noch vor dem Schaufenster gestanden und überlegt…

    Ich kann aber auch die Schuhe von Think empfehlen. Die halten bei mir auch Jahre bei guter Pflege.

    Grüßle
    Maja

  6. DK-Fan Sagte:

    Nachdem ich vor einigen Jahren einge “normale” Schuhe in der Preisklasse 100-150 € nach ca. einem Jahr Tragen aufgrund von irreparablen Schäden in die Tonne hauen musste, bekam ich eine Empfehlung für Kuckelkorn-Schuhe. Der Kauf des ersten Paares kam einem Kulturschock gleich, soviel Geld für ein Paar Schuhe. Zwischenzeitlich besteht ungefähr 2/3 meines Schuhschranks aus DKs. Es sind nicht nur qualitativ absolut überzeugende Modelle, DK steht eben nicht nur für traditionelle Schuhe, sondern sie haben immer auch Pep und Witz, und dafür schätze ich Herrn Kuckelkorn. Empfehlung: Im Geschäft in Aachen
    einkaufen, ein Erlebnis!

  7. olschok Sagte:

    Vielen Dank für den Artikel! Ich bin ja immer auf der Suche nach neuen Themen für meinen Blog aber natürlich auch nach außergewöhnlichen Schuhen.
    Vor ein paar Tagen habe ich mich zufällig, über eine Stunde mit einem Schuhmacher unterhalten – sehr spannend und ein richtig schönes Handwerk!

  8. Draper Sagte:

    sehr schöner Beitrag! Ich trage selber ein Paar Kuckelkorn-Schuhe. Allerdings sehr günstig von Ebay – das mal so als Tipp für alle, die das Ganze etwas sparsamer angehen wollen ;-)

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